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Berggottesdienst zum Sonnenaufgang – Das Kreuz mit dem Kreuz

Lesung und Predigt vom Berggottesdienst zum Sonnenaufgang am Gipfelkreuz des Hochgrat am 27.5.2018

Thema: Das Kreuz mit dem Kreuz

 

 

Lesung

Text in 1. Korinther 1,18-21

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren wer-den; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.  Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«  Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?  Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben. Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,  wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit;  denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, pre-digen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

Soweit die Lesung. Gott segne sie an uns durch die Kraft seines Geistes. Amen.

Predigt zum Thema „Das Kreuz mit dem Kreuz“

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

als wir im letzten Jahr das Reformationsjubiläum gefeiert haben, gab es in der Kirchengemeinde Ober-staufen ein Projekt mit dem Namen Kanzelrede. Dabei waren Personen aus der Öffentlichkeit eingeladen, um auf der Kanzel eine Rede zum Thema 500 Jahre Reformation zu halten. Einer unserer Gäste war dabei der jetzige Ministerpräsident Markus Söder. Als Mitglied der Landessynode eingeladen hat er in seiner Kanzelrede viele Anwesende mit seiner sehr persönlichen Rede zum Glauben überrascht und auch ins Nachdenken gebracht. Das hätten viele von ihm so sicher nicht erwartet. Und ich muss ganz ehrlich gestehen: man hat es ihm auch abgenommen, auf mich zumindest wirkte er sehr authentisch, wie man so schön sagt.

Überrascht hat er nun wieder – aber dieses Mal auf ganz andere Weise. Hat er doch nun das Kabinett darüber entscheiden lassen, dass zukünftig Kreuze in Behörden-Foyers als kulturelles Symbol hängen sollen und er selber hat dann gleich sehr medien-wirksam eines aufgehängt. Und schon hatte der das Kreuz mit dem Kreuz. Ein Aufschrei ging und geht durch die Republik. Seitenweise Leserbriefe in allen Zeitungen. Doch damit nicht genug. Schnell kamen auch die Reaktionen der beiden Kirchen. Kardinal Marx, seines Zeichen Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz äußerte sich dahingehend, dass er sagte: Es sei “Spaltung, Unruhe, Gegeneinander” entstanden, so Marx im Interview mit der “Süddeut-schen Zeitung”. “Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden”, sagte der Erzbischof von München und Freising. “Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet.” Es stehe dem Staat nicht zu, zu erklären, was das Kreuz bedeute, sagte Marx. Es sei “ein Zeichen des Widerspruchs gegen Gewalt, Ungerechtigkeit, Sünde und Tod, aber kein Zeichen gegen andere Menschen”. Die gesellschaftliche Debatte über das Kreuz hält Marx für wichtig, aber es müssten alle einbezogen werden: Christen, Muslime, Juden und jene, die gar nicht gläubig sind.

Der bayerische Landesbischof Bedford-Strohm sagte dazu: „Die Reduzierung auf ein Kultursymbol, die geht natürlich nicht, denn das sogenannte christliche Abendland ist ein Raum, in dem viel Unrecht passiert ist. Wer das Christentum vereinnahmt, um nur die eigenen Ziele zu legitimieren, der hat das Kreuz nicht verstanden.“ Diesen Vorwurf wolle er aber niemandem konkret machen, betonte der Lan-desbischof. Er rief die Staatsregierung auf, dem christlichen Anspruch auch in der Flüchtlingspolitik gerecht zu werden. „Das Entscheidende ist, dass das Kreuz nicht nur an der Wand hängt, sondern auch vom Inhalt her mit Leben erfüllt wird“, sagte der Landesbischof. „Das heißt Feindesliebe, Einsatz für die Schwachen, universales Liebesgebot; also nicht die Benutzung des Kreuzes zur Abwehr gegen andere, sondern als Grundlage dafür, dass wir eine Verantwortung für alle Menschen haben.“ Dies gelte auch für Flüchtlinge, sagte Bedford-Strohm.

Man könnte nun hier noch viele weitere Beispiele anfügen. Und damit einhergehend die Frage: warum dieser Aufschrei, warum diese massiven Reaktionen? Und diese auch in beiden Richtungen: von denen, die es gut finden bis zu denen, die es ablehnen. Warum also so viel Aufregung?

Meinem Empfinden nach sind es mehrere Punkte. Da ist zum einen der Punkt, dass wir eigtl. eine Trennung von Kirche und Staat haben und der Staat neutral sein muss gegenüber den Religionen. Es gibt in unserem Land so etwas wie Religionsfreiheit – geschützt durch das Grundgesetz: Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet – so heißt es im Grundgesetz.

Ein wenig anders freilich die Präambel der bayerischen Verfassung: angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschafts-ordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechtes dauernd zu sichern, gibt sich das Bayerische Volk, eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte, nachstehende demokratische Verfassung. Bezug zur Verfassung zu Gott, natürlich kann ein Staat sich auf Gott beziehen, aber trotzdem: Religionsfreiheit gilt auch hier in Bayern. Durch seine Aktion  ist sicher hier das Thema Religionsfreiheit berührt angesichts dessen, dass eben in Bayern nicht nur Christen leben.

Das zweite: mit seiner Aktion hat Söder in meinen Augen übersehen, dass er – im Gegensatz zur Kanzelrede, wo er als Privatmann da war – nun in der Rolle des Ministerpräsident eben manches nicht mehr machen und sagen kann, wie wenn er privat unterwegs ist. Und schließlich das dritte: von vielen musste er sich anhören, dass das Ganze aus wahltaktischen Gründen geschehen ist, um sozusagen die klassischen CSU-Wähler wieder zurückzugewinnen. Das mag nun jeder selber beurteilen, aber irgendwie ein „Gschmäckle“ hängt der ganzen Sache an. Oder wie Württembergs Ministerpräsident schrieb: Ohne dem Kollegen Söder nahetreten zu wollen: ich musste an Vampir-Filme denken – als wollte da jemand mit dem fast drohend erhobenen Kruzifix irgendeine Gefahr abwenden.

Ja, das Kreuz mit dem Kreuz. Schon der Apostel Paulus wusste darum, wie schwierig und umstritten das Kreuz ist. So schreibt er an seine Gemeinde in Korinth: Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. Nicht nur dieser Satz, sondern die ganze Debatte führt für mich zur zentralen Frage: und die lautet eben – was ist das Kreuz? Auch für jeden von uns persönlich? Welche Bedeutung hat es für uns?

Für mich persönlich ist klar und ich finde mich da wieder in den deutlichen Worten der Bischöfe: das Kreuz ist kein Kultursymbol oder ein kulturelles Symbol. Das Kreuz steht nicht einfach so fürs Christen-tum, ist nicht einfach nur ein Zeichen oder wie ein Hinweisschild oder ein äußeres Merkmal nach dem Motto: setze ich mir ein Mütze von Bayern München auch, dann kann man mich als Fan erkennen. Son-dern es ist ein Symbol und ein Symbol ist ein Zeichen, das einen tieferen Sinn andeutet. Die ersten Christen zum Beispiel hatten den Fisch als Symbol: das war zum einen ein verborgenes Erkennungszei-chen unter den Christen, zugleich aber auch ein kleines Glaubensbekenntnis: Jesus Christus Gottes Sohn unser Retter. Daran wird aber auch schon eines deutlich: man muss die Bedeutung eines Symboles kennen, um zu verstehen, was gemeint – siehe Paulus: Torheit oder Gottes Kraft. Das heißt: Symbole gerade in den Religionen drücken immer Kerngedanken derselben aus. Und sind eben nicht nur  äußer-liche Zeichen.

Genau das aber haben die beiden Bischöfe, va. Bedford-Strohm zum Ausdruck gebracht: das Kreuz ist ein Zeichen des Widerspruches gegen Gewalt, Ungerechtigkeit, Sünde und Tod. Das Kreuz muss von seinem Inhalt her mit Leben erfüllt werden – Stichwort Feindesliebe, Einsatz für die Schwachen, universales Liebesgebot. Das gilt natürlich für die Politik und va. für eine Partei, die das C in ihrem Namen trägt. Auf der einen Seite die Bedeutung des Kreuzes zu betonen und gleichzeitig von einer Anti-Abschiebe Industrie zu sprechen, das passt eben nicht zusammen.

Ich möchte freilich das Thema Kreuz auch in unser aller Leben hereinholen, denn die ganze Debatte führt mich auch zu der Frage, wie wir es denn so mit dem Kreuz halten. Ich weiß, dass vielen Menschen das Kreuz wichtig ist – in der Kirche, im persönlichen Bereich, so dass viele es auch umhängen haben. Aber ganz offen gefragt: ist es um den Hals hängend nur ein Schmuckstück oder ein Symbol? Damit steht die Frage im Raum: stehe ich auch hinter dem, was ich mir da um den Hals hänge?

Dazu nochmal Bedford-Strohm: „Dass wir als Christen alles tun, um die Inhalte, für die das Kreuz steht, in die Herzen der Menschen zu bringen und unsere eigenen Herzen immer wieder darauf auszurichten, ist hoffentlich eine Selbstverständlichkeit.“

Ist es das wirklich? Richten wir unser Leben, unseren Umgang miteinander an den Inhalten aus, für die das Kreuz steht? Ist für uns Jesus, der, der unser Leben bestimmt? Sind die Maßstäbe, die uns Jesus an die Hand gegeben hat, die Maßstäbe, die wir in unserem Leben umsetzen? Einsatz für die Schwachen, universales Liebesgebot, Nächsten- statt Eigenliebe. Füllen wir das Kreuz vom Inhalt her mit Leben? Nur ein Beispiel: in den letzten Wochen ist mit im Religionsunterricht immer wieder eine Mutter begegnet, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, dass das Thema Islam im Religionsunterricht vorkommt mit dem Ziel, dass die Schüler es lernen in ihrem Umfeld mit Menschen anderer Religionen und Kulturen respektvoll umzugehen. Verhalten wir uns manchmal ähnlich? Oder wie äußern wir uns gegenüber Flüchtlingen, Ausländern, dem Islam?

 

Liebe Gemeinde, wir feiern heute hier oben am Gipfelkreuz des Hochgrates Gottesdienst. Hier oben, da haben wir das Gefühl, Gott und dem Himmel ganz nahe zu sein. Nachher werden wir wieder ins Tal steigen oder fahren, jeder auf seine Weise. Wir werden das Gipfelkreuz hier oben zurücklassen. Und damit auch die Botschaft, die es uns sagen will? Oder nehmen wir es symbolisch mit hinunter? Und geben weiter, was es bedeutet nämlich: im Geist und im Sinne von Jesus zu handeln; in unserem persönli-chen Leben das Kreuz vom Inhalt her mit Leben füllen und nicht nur als Symbol an die Wand zu hängen oder als Schmuckstück um den Hals; die Maßstäbe Gottes zu unseren Maßstäben in unserem Miteinander machen. Das Kreuz steht für mich genau dafür als Symbol. Gut, wenn es so verstanden in der Öffentlich-keit steht – oben auf dem Berg, am Wegkreuz, an Straßenrändern und auch in öffentlichen Gebäuden und Schulen. Aber eben nicht von oben verordnet, sondern von innen heraus motiviert. Und doch wird das Kreuz immer das bleiben, was Paulus schreibt: den einen eine Torheit, uns aber Gottes Kraft. Amen.

Und der Friede Gottes …

 

Pfarrer Frank Wagner

Berggottesdienst Sonnenaufgang am 27.5.2018 – Thema Das Kreuz mit dem Kreuz

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