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Berggottesdienst zum Sonnenaufgang – Wer bin ich

Berggottesdienst zum Sonnenaufgang am Hochgrat  am 9.9.2018 um 6.30 Uhr

Thema: Wer bin ich? – Gottesdienst und Predigt zu einem Gedicht von Dietrich Bonhoeffer

 

 

Lesung: Gedicht Bonhoeffer – wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig und bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 

 Predigt zum Thema „Wer bin ich?“

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei nun mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land? Dieser Satz aus dem Märchen Schneewittchen ist uns allen wohlbekannt. Und er deutet an, welche Rollen Spiegel in unserem Leben immer wieder spielen. Ich bin mir sicher, dass heute Morgen viele unter ihnen bevor sie los sind noch einen Blick in den Spiegel geworfen haben. Keine Sorge, ich werde nicht nachfragen, was sie da gesehen haben. Dabei geht es beim Blick in den Spiegel nicht immer nur um einen Blick in denselben. Sondern ein Spiegel ist ein Symbol und ein Gegenstand, der weiterreicht und hinführt zum Thema der heutigen Predigt: Wer bin ich?

Nun ich weiß nicht, ob Dietrich Bonhoeffer in seiner Zelle einen Spiegel vor sich hatte, als er das vorhin gehörte Gedicht geschrieben hat. Doch mit oder ohne Spiegel ist diese Frage „wer bin ich“? eine Frage, die uns alle immer wieder angeht. Wer bin ich? Wie sehe ich mich – nicht nur wenn ich in einen Spiegel schaue? Wer bin ich? Was macht mich und mein Leben aus? Und wie sehen mich die anderen? Was denken die von mir, wer ich bin? Wie komme ich bei anderen an, wie wirke ich auf sie?

Das ist eine wichtige Frage und eine wichtige Tatsache unseres Lebens, die immer wieder unser Mit-einander prägt. Denn je nachdem, wie mich andere wahrnehmen ist auch deren Umgang mit mir. Das hat sicher auch Bonhoeffer erfahren. Sehr persönlich erzählt er in seinem Gedicht davon: sie sagen mir oft, so schreibt er, sie sagen mir oft, wie ich auf sie wirke hier im Gefängnis: gelassen und heiter wie ein Guts-herr und nicht wie ein Gefangener. Einer, der freundlich und klar mit seinen Bewachern spricht, so als ob er der wäre, der hier zu bestimmen hat. Einer, der die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz erträgt. Und gerade weil er so nach außen erschienen ist, haben ihn die Wächter wohl mit mehr Respekt behandelt als andere Gefangene. Wer bin ich?

Bin ich das wirklich, was andere über mich sagen, so fragt Bonhoeffer weiter. Bin ich wirklich der, den die anderen in mir sehen? Bin ich das wirklich, was die anderen von mir sagen?

Auch in unserem Leben spielt diese Außenwahrnehmung eine große Rolle. Manchen Menschen zeigen wir z.B. schon aufgrund einer Funktion größeren Respekt als anderen. Dabei sagt die Rolle über das, wie der andere wirklich ist, nicht viel aus. Die große Gefahr besteht nun darin: wir machen uns ein Bild von jemandem, auf das wir ihn festlegen, und wenn er sich dann anders zeigt, dann sind wir völlig überrascht. Die freundliche Frau Meyer – ich habe gar nicht gedacht, dass die auch so garstig sein kann. Oder man-che Ehefrau, die nach Jahren der Ehe entdecken muss: dein Mann, das fremde Wesen.

Wer bin ich? Bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Weiß ich denn alles von mir? Oder entdecke ich nicht immer wieder neue Seiten an mir? Auch das ist eine Erfahrung des Lebens: dass wir uns ver-ändern, dass wir immer wieder ein anderer Mensch werden. Früher da konnte man mit dir Pferde stehlen, aber jetzt, wo du älter geworden bist, ist das leider nicht mehr möglich. Ja, das Leben ist Veränderung und ich bin nie immer derselbe.  Wenn wir tatsächlich mit einem Menschen über eine lange Zeit das Leben teilen stellen wir fest: Es gibt Dinge, die bleiben immer gleich. Wann und wo ich geboren bin. Wer meine Eltern waren. Und ob ich mit Geschwistern aufgewachsen bin oder als Einzelkind. Aber vieles verändert sich auch im Laufe des Lebens. Als Kind mochte ich viele Dinge nicht essen, die ich als Er-wachsene durchaus mag. Als Kind war ich immer mit vielen Menschen zusammen. Meine Geschwister, meine Eltern, und oft waren auch die Großeltern und die Tante noch da. Heute sind viele von ihnen nicht mehr unter uns.

Ja, ich bin ein Mensch, der sich verändert. Über manche Veränderungen freue ich mich. Ich muss mich nicht mehr über so vieles aufregen wie als Jugendlicher. Ich nehme nicht alles mehr ganz so wichtig. Aber viele Veränderungen mag ich auch gar nicht. Ich werde älter – und meine Kräfte lassen nach. Immer mehr bin ich auf Hilfe angewiesen. Das macht mir Angst. Wer bin ich?  Eine Frage, an der ich in meinem Leben nicht vorbeikomme.

Gruppe Wise guys: Lied geschrieben – Es ist nicht immer leicht ich zu sein, es ist nicht immer leicht ich zu sein Es ist nicht immer leicht ich zu sein, manchmal ist es sogar sauschwer Es ist nicht immer leicht ich zu sein, es ist nicht immer leicht ich zu sein Es ist nicht immer leicht ich zu sein, manchmal wär’ ich lieber sonst wer.

Ja, manchmal wäre ich gerne ein anderer. Für mich selbst und für die anderen. Und manchmal tue ich im Leben alles dafür, um vor dem anderen in einem guten Licht dazustehen. Zeige mich darum nach außen, wie ich gar nicht bin. Zumindest nicht bei einem ehrlichen Blick in den Spiegel. Wie die Königin im Märchen möchte ich ein anderer sein als der, der ich bin. Gebe mich anders, als ich bin. Tue alles, um bei den anderen anzukommen. Und merke, wie aufwendig, wie schwer, wie kraftraubend das ist, so ein Bild von mir vor anderen aufrecht zu erhalten. So eine Art zu leben kann gar nicht zu einem gelingenden Leben führen. Und irgendwann werde ich dastehen und mich fragen: Wer bin ich? Bin ich das, was ande-re von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selber von mir weiß?

Bin ich das, was andere von mir sagen? In unserer Zeit gibt es hier auch einen sehr hohen Er-wartungsdruck. Nicht nur die Werbung zeigt uns, wie wir sein sollen, damit wir in sind. Damit wir dazugehören. Auch in unserem Miteinander spielt das oft eine große Rolle. Was ich habe, welche Marken ich trage, wie ich mich kleide und vieles mehr. Wer die Maßstäbe der anderen nicht erfüllt, ist hier sehr schnell ein Außenseiter. Und auch hier erleben wir: es ist unheimlich schwer und kraftraubend, dies auszuhalten und immer mitzumachen. Auch diese Art zu leben kann nicht zu einem gelingenden Leben führen. Und irgendwann stehe ich da und frage mich: wer bin ich?  Bin ich das, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selber von mir weiß?

Es gibt im 1. Korintherbrief, im sog. Hohen Lied der Liebe, dazu eine merkenstwerten Satz des Apostel Paulus:

Der Apostel Paulus schreibt: “Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.”

Paulus schreibt: Jetzt sehe ich etwas. Jetzt erkenne ich etwas. Jetzt weiß ich etwas über mich. Und doch ist das noch lange nicht alles, was über mich zu sagen ist. Es ist nur ein „dunkles Bild“. Verschwommen. Unscharf. Ungenau. Und niemals vollständig.

Und sind wir doch mal ehrlich: ist es nicht auch so, dass ich selbst nur ein „dunkles Bild“ von mir habe? Dass auch ich mich nur „stückweise“ kenne? Dass ich immer wieder fremde Seiten an mir entdecke? Meine eigenen Gefühle verstehe ich durchaus nicht immer. Wieso habe ich mich eigentlich gerade so geärgert? Es war doch im Grunde ganz harmlos, was mein Gegenüber gesagt hat. Und doch habe ich mich furchtbar darüber aufgeregt, so, dass ich ab sofort mit dem Anderen keinen Kontakt mehr haben will. Ein dunkles Bild durch einen Spiegel.

Manchmal bin ich auch erschrocken – wenn ich feststelle, dass ich ganz viel von dem, was früher selbstverständlich war, nicht mehr kann.  Manchmal freue ich mich aber auch über mich. Mir gelingt et-was, was ich mir früher nicht zugetraut hätte. Und ich merke: Ich bin ein Geheimnis – manchmal für andere, oft auch für mich selbst.Und so geht es uns auch mit anderen: Oft glauben wir ja, einen Menschen durch und durch zu kennen. Doch dann merken wir wie sich das vertraute Bild verschiebt, verdunkelt, wie es sich uns entzieht. Wie wir nur stückweise erkennen.

“Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.”

Der Satz des Apostel Paulus enthält freilich für den ganzen Gedankengang einen sehr tröstlichen, ermun-ternden Gedanken. Da ist einer, schreibt Paulus, da gibt es einen, der mich nicht nur „stückweise“ son-dern „ganz“ kennt: nämlich unser Gott.  „Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“, sagt Paulus. Und meint damit: Gott sieht mich. Er sieht mich „von Angesicht zu Angesicht“. Unverstellt durch Falten oder schlechte Laune. Unverstellt durch alles, was ich in meinem Leben vielleicht falsch gemacht habe. Unverstellt, auch wenn ich mich vor anderen ganz anders darstelle. Er sieht mich so, wie ich wirklich bin, mit all meinen Veränderungen. Nein, mehr noch: Er sieht mich so, wie ich von ihm her gemeint bin. Nicht prüfend, gnadenlos in grellem Neonlicht. Sondern wohltuend und liebevoll, wie durch den warmen Lichtschein einer Kerze. So sieht mich Gott:  Als seine geliebte Tochter, als seinen geliebten Sohn.  So wie ich bin. Mit dem, was ich kann – und mit dem, was mir nicht oder nicht mehr ge-lingt. So sieht er mich – und so liebt er mich auch. Vor ihm kann ich so sein, wie ich wirklich bin, auch mit allen meinen Geheimnissen.

Und Paulus ergänzt: einmal werde auch ich mich so sehen können wie Gott mich sieht: als einen ganzen, runden, heilen Menschen. Vorerst freilich muss ich mich noch mit dem verschwommenen Bild be-gnügen. Dem Bild, das andere von mir haben, dem Bild, das ich von mir habe. Doch wenn mich wieder die Frage überfällt:  Wer bin ich? Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? – darf ich darauf vertrauen: Wer ich auch bin, du kennst mich, dein bin ich, o Gott! Das kann mir keiner nehmen. Das bleibt – Gott sei Dank. Daran denken bei jedem Blick in den Spiegel. Amen.

Und der Friede Gottes … . Amen.

 

Pfarrer Frank Wagner

 

Berggottesdienst zum Sonnenaufgang am 9.9.2018 – Thema Wer bin ich

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