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Die Predigt der Kuh

Predigt im ökumenischen Berggottesdienst zum Sonnenaufgang am Gipfelkreuz des Hochgrates am 3.10.2103

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
vielleicht haben sie sich gewundert als sie das Plakat zu diesem Berggottesdienst gelesen haben und den Titel für heute Morgen gesehen haben: die Predigt der Kuh. Aber keine Sorge, sie haben schon richtig gelesen. Einer Kuh will ich heute Morgen meine Stimme verleihen und die Kuh soll jetzt in der Predigt zu Wort kommen. Denn Tiere bzw. die Kuh hat uns etwas zu sagen.

Nun fragen sie sich vielleicht, wie man auf so eine Idee kommt? Aber das ist ganz einfach: Kühe, Schumpen genannt, gehören einfach im Allgäu dazu, vor ein paar Wochen noch haben uns hier herauf auf den Gipfel Einige begleitet und haben mit ihren Glocken um den Hals quasi das Läuten übernommen. Sie haben das Glück, wochenlang hier oben verweilen zu können. Und sie sind ein wichtiger Faktor für die Milchwirtschaft, man denke nur an den guten Bergkäse und die anderen feinen Sorten. Kühe begleiten Wanderer mit ihrem Geläut hier in den Bergen und ich weiß nicht, wie viele Urlaubsbilder geschossen werden, auf denen Rindviecher zu sehen sind, egal, wen man auf den Fotos dann dazu zählt.

All dies hat mich also auf die Idee gebracht, heute Morgen den Rindviechern meinen Predigtpart abzutreten und ihnen meine Stimme zu leihen. Und so hören sie jetzt die Predigt der Kuh. Wohlan denn, die Kuh hat das Wort.

Also spricht die Kuh zum ersten:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Schöpfer. Es ist eine große Freude für mich, dass ich die Ehre habe, heute hier zur Predigt vor ökumenischem Kreis meine Stimme zu erheben. Deshalb streife ich meine außerbiblische Vergangenheit nur kurz. In allen Kulturen habe ich eine wichtige Rolle gespielt. Ich war Symbol der Fruchtbarkeit und der Stärke. Ich habe meinen Beitrag geleistet für die Bodenkultur und den Tempelkult. Götter schlüpften einst in meine Haut und so genoss ich göttliche Verehrung. Aus diesen abergläubischen Zeiten rührt es her, dass ich heute noch als Stier zu euren Tierkreiszeichen gehöre. Machen halten viel davon, ich selber nicht. Übrigens ist der Wagner auch ein Stier.

Dass der Stier zum Symbol des Evangelisten Lukas geworden ist, freut mich ungemein. Und damit bin ich angelangt bei meiner biblischen Geschichte. Ich spreche dabei nicht nur für mich, die Kuh, ich spreche auf für Kälber, Rinder, Ochsen und Stiere. Die schöpferische Phantasie unseres Schöpfers ist unerschöpflich. Hunderte von Arten gibt es von uns: braun und gescheckt, schwarz-weiß, was man preußisch nennet – in vielfältiger Weise hat uns Gott geschaffen. Nur die Lila-Kuh stammt aus den Händen findiger Schweizer.

Als am Anfang Gott Himmel und Erde schuf, da beginnt meine Geschichte auf den ersten Seiten der Bibel. Als Gott, der Herr, am sechsten Tag sprach: es bringe die Erde hervor lebendiges Getier und alle Tiere des Feldes – da war auch ich dabei. Es erfüllt mich mit Genugtuung, dass ich früher als ihr Menschen geschaffen wurde. Ihr kamt erst nach mir. Allerdings habt ihr dann den Auftrag erhalten, über uns zu herrschen. Das habt ihr oft mehr recht als schlecht getan. Darum bitte ich um Schutz für die Tiere: erinnert euch daran, dass wir am gleichen Tag geschaffen sind und dass wir alle aus GottesHand stammen. Wir sind miteinander verwandt und aufeinander angewiesen. Ihr seid nicht die großen Macher, sondern auch nur ein Teil der Natur, gemacht wie wir. Vielleicht spürt ihr dies hier oben al Gipfel ja ein wenig mehr als sonst. Jesus selber liebte alle Tiere. Ihr liegt nicht auf seiner Linie, wenn ihr seine Schöpfung nicht bewahrt, sondern verwahrlosen lasst.

Mir fällt dazu eine Redensart ein: das geht auf keine Kuhhaut. Sie geht auf eine alte Legende zurück. Der Teufel wollte während des Gottesdienstes die Namen aller Sünder aufschreiben. Er bediente sich als Pergament einer riesigen Kuhhaut. Aber sie reicht für die Sünder nicht aus. Wie groß müsste sie heute sein, um all die Umweltsünder und Umweltsünden aufschreiben zu können?

Darum mein Vorschlag: versöhnt euch mit der Natur. Lasst uns zusammen leben und einander liebe, indem wir uns miteinander unseres von Gott geschenkten Lebens freuen und indem wir miteinander unseren Schöpfer und unsere Schöpfung loben. Wenn wir loben, dann finden wir etwas toll, wenn wir Schöpfung loben, finden wir die Natur toll. Alles dafür zu tun, um sie zu erhalten, damit auch künftige Generationen Schönheit genießen können, das ist meine Bitte an euch. Und einen Anfang könnt ihr gleich damit machen, wenn ihr heute Morgen alle euren Abfall wieder mitnehmt.

Also spricht die Kuh zum zweiten:
Mein Ahn war noch ein wildes Tier, der Auerochse. Es hat seine Zeit gedauert, bis wir zu Haustiere gezüchtet wurden. Und so kam es, dass ihr von uns abhängig geworden seid und wir von euch. Ich und meinesgleichen stehen euch gerne zu Dienste. Das war schon zu Abrahams Zeiten so. Einst dienten wir als Opfertiere im Tempel. Diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei, seit sich Jesus für euch und für uns am Kreuz geopfert hat. Dafür bin ich dankbar. Trotzdem bringe ich weiter Opfer. Denn wir diesen euch zur Nahrung. Unsre Milchprodukte kosten uns zwar nicht das Leben, aber ein Tellerfleisch oder eine Ochsen-schwanzsuppe schon. Wir opfern uns für euch. Aber Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Und unsere Haut befriedigt eure Lederlust und euren Lederkult. Aber das ist halt so vom Schöpfer geordnet.

Apropos Liebe, die durch den Magen geht. Wir hier oben sind in der Sommerfrische und fühlen uns wohl. Aber bei wie vielen anderen ist das nicht so? Unter welchen Bedingungen müssen manche von uns leben? Tiertransporte, Rinderwahn und BSE, Fleischklöpse für MacDonalds. Kraftfutter und Chemikalien, und alles nur, damit ihr Fleisch im Überfluss habt. Denkt daran: die Chemikalien tun weder uns noch euch gut. Es wäre für euch ohnedies gesünder und schöpfungsgemäßer, wenn ihr etwas weniger Fleisch essen würdet. Es wäre für uns gesünder, wenn wir gesund und artgerecht ernährt würden und etwas Askese könnte eurer schlanken Linie nicht schaden. Bescheidenheit steht euch gut zu Gesicht und zur Figur. Schon die alten Propheten erhoben gegen eure Sucht ihre Stimme: besser ein Gericht Kraut mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Hass, so heißt es in den Sprüchen Salomos.

In diesem Zusammenhang mich von jenem Traum reden, den Josef hatte: er sah sieben fette Rinden und dann sieben magere aus dem Nil steigen. Sieben fette und sieben magere Jahre. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Die fetten Jahre scheine bei euch im Moment ja vorbei zu sein. Stichwort: Wirtschaftskrise. Aber vielleicht solltet ihr euer Leben und eure Lebenshaltung überdenken. Man kann nicht immer nur auf Wachstum setzen, es gibt eben nicht nur die fetten Jahre. Aber es ist wichtig, in den guten Zeiten die Vorräte anzulegen, die einem dann in schlechten Zeiten weiterhelfen. Das gilt in der Wirtschaft, im Leben allgemein und auch im Glauben. Schaut uns Kühe an: von saftigen Gras fressen wir so viel, dass wir später Zeit haben, es zu verdauen und wiederzukauen, Vielleicht solltet ihr euch da mal ein Beispiel an uns nehmen.

Wenn ich jetzt schon am Meckern bin, dann dies noch hinterher. Es stört uns, dass ihr unseren guten Namen als Schimpfwörter benutzt. Du Ochs, du Rindvieh, du dumme Kuh. Wir mögen es auch nicht, wenn ihr Polizisten als Bullen bezeichnet. Wir empfinden dies als Beleidigung und ihr löst so keine Konflikte. Gewiss, wir sind nicht die Gescheitesten. Aber im Umgang mit euch Menschen wird an halt ein wenig phlegmatisch. Ich erlaube mir aber, an die Tugenden zu erinnern, die uns seit altersher zuge-schreiben werden: Gutmütigkeit, Geduld, Ausdauer, Toleranz, Friedlichkeit und Genügsamkeit. Diese Tugenden stehen auch euch Menschen gut zu Gesicht. Die Sage erzählt, dass der Göttervater Zeus sich in einen Stier verwandelt und eine Prinzessin nach Europa getragen hat. Ich sage euch: Europa braucht nicht nur den Euro, sondern auch das eu-angelium, das Evangelium, die frohe Botschaft und viele gute biblischen Tugenden wie die meinen.

Also sprach die Kuh zum dritten und letzten:
Der Prophet Jesaja hat einmal gesagt: ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, aber mein Volk kennt es nicht und Israel hat es nicht verstanden. Dieses dicke Lob freut uns. Nicht wenige eurer Zeitgenossen verkennen den Herrn und wollen nicht mit ihm zu tun hhabe. Nicht wenige leben, als ob es Gott nicht gäbe, nicht wenige laufen in fremde Ställe neuer Religionen; nicht wenige sind aus dem kirchlichen Stall ausgetreten, manchmal auch nur, weil es schlechte Hirten gibt. Die gibt es auch bei uns, aber deswegen würde niemand von uns auf die Idee kommen den Stall zu verlassen. Und weiter: nicht wenige inszenieren einen Tanz um moderne goldene Kälber; nicht wenige zelebrieren den Tanz um das goldene Selbst, ums vergoldete Ich. Packt diesen Stier bei den Hörnern und lasst nicht zu, dass Eigensinn, Eigennutz und Eigenwohl Gemeinsinn, Gemeinwohl und Gemeinnutz verdrängen. Nehmt euch ein Beispiel an uns. Wir sind nicht in fremde Ställe gelaufen, meinesgleichen war im Stall von bethlehem. Was wir damals erlebt haben, war wirklich die Höhe. Da waren wir Gott nahe und Gott war uns nahe. Wir wärmten das Kind mit unserem Atem. Und merkten am eigenen Leib: so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben nicht verloren gehen.

Lasst euch darum gesagt sein: Gott meint es gut mit euch. Von ihm gehütet seid ihr in guter Hut. Er kümmert sich um euch so wie sich ein guter Hirte um uns kümmert. So wie es im bekannten Psalm 23 heißt. Ich habe genau zugehört vorhin. Und wer könnte das besser beurteile wie ich, die Kuh,. Wie wichtig ein guter Hirte ist. Der eigentliche Hirte aber ist unser Gott.

Am Ende des Sommers ziehen wir alle miteinander wieder hinab ins Tal, um in den eigenen Stall zurückzukehren. Bunt geschmückt das Kranzrind, mit besonderem Schmuck gekrönt. Es geht so voraus, wenn über den Sommer nichts passiert ist. Bei uns ist freilich immer nur eines gekrönt. Bei euch ist das ganz anders: gekrönt seid ihr alle, auch wenn ihr nicht aus adeligem Haus seid. Aber gekrönt seid ihr von Gott. Gekrönt durch seinen Segen, der er euch z.B. in der Taufe, der Konfirmation, der Firmung zugesprochen hat. Auch bei jedem Gottesdienst, auch heute, bekommt ihr als Krönung den Segen Gottes. Jeder und jede, unabhängig von dem, was vorher geschehen ist. Mit seinem Segen begleitet er euch, hinauf und hinab, auf weiten und schmalen Wegen, in guten und schlechten Zeiten. Darum will ich euch am Ende aufrufen zum Lob Gottes, unseres Schöpfers, mit alten Worten, die bis heute Gültigkeit haben:

Lobe den Herrn meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen.
Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.

In diesem Sinne einen gesegneten Feiertag und eine gute und gesegnete Zeit. Eure Kuh am Hochgrat, Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfarrer Frank Wagner

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