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Ich hatte das Bild einer großen Gemeindefamilie vor Augen

Ich hatte das Bild einer großen Gemeindefamilie vor Augen

Als wir 1965 Mitte Juli von München nach Oberstaufen in das Vikarhaus zogen, war unsere kleine Tochter gerade ein Jahr alt geworden.
Bald irritierte mich die Anfrage einiger Frauen, ob ich auch wie die Frau des Vorgängers, mit ihnen Leprabinden stricken würde. Meine spontane ehrliche Antwort war, dass ich das ganz bestimmt nicht tun würde. Aber ich würde etwas tun. – Als ich bald darauf Frau Schartau kennenlernte, wusste ich, dass ich hier würde leben können, wenn solche Menschen hier wohnten.
Schon bald knüpften wir Kontakte mit Familie Schirge, als wir Sonntagsnachmittag den Sportwagen nach Bad Rain schoben. Wir wagten dann wenige Monate später gemeinsam ein Faschingsfest mit der konfirmierten Jugend.
Nach einem Hausbesuch meines Mannes bei Familie Seyfried in Steibis erfuhr ich von ihm, dass dort auch eine junge Familie lebte, die sich gewiss über Kontakt freuen würde. Den Winter über gestalteten wir dann zusammen mit anderen Frauen einen Abend in der Woche Kasperlpuppen. Später lernte ich Familie Hesseln kennen. In den darauf folgenden Jahren feierten wir 3 Mütter nicht nur die Kindergeburtstage und den Kinderfasching gemeinsam, sondern wir unternahmen zusammen auch Ausflüge.
Einige Jahre leitete Frau Hesseln einen kleinen Kirchenchor, bei dem jede Männerstimme wichtig war. Der Chor fiel später tatsächlich dem Wegzug eines Tenors zum Opfer.
Meine Möglichkeiten, etwas in der Gemeinde zu tun waren über viele Jahre recht begrenzt. 1966 und 1968 wurde eine Tochter geboren. Haus und Familie hielten mich auf Trab. Es gab auch zahlreiche Telefonanrufe entgegenzunehmen in einer Zeit ohne automatischen Anrufbeantworter. Manch Gespräch unter der Haustür ergab sich.
1968 wurde das exponierte Vikariat in eine Pfarrstelle umgewandelt, aber anfänglich nur mit 4 Bürostunden in der Woche ausgestattet. Durch viele Jahre versah Frau Hannelore Seyfried dieses Amt, bis in die Zeit von Pfarrer Klaus Pfaller hinein. Später übernahm Frau Gundula Baumgartner diese Stelle.
Mein überbeschäftigter Mann konnte mich in meinem häuslichen Aufgabenbereich, in der Kinderbetreuung und Kindererziehung kaum unterstützen. Hätte nicht im Winter 1967/68 Herr Drechsler, der viele Jahre hindurch evangelisches Leben in Oberstaufen verkörperte, eine Woche lang nachmittags unsere Kinder betreut, hätte ich kaum eine Chance gehabt, das Skifahren zu erlernen. – Mit dem Erwerb des Führerscheins sah es nicht viel anders aus. Erst als 1984 der Lindenberger Pfarrer während der Vakanz der Pfarrvikariatsstelle in Heimenkirch bei mir angefragte, ob ich mir vorstellen könnte, dort den Vertretungsdienst zu übernehmen, ein Dienstwagen sei vorhanden, nahm ich die doppelte Herausforderung an.
Unsere jüngste Tochter war 5 Jahre alt, als ich in geringem Umfang wieder den Weg zurück in die Schule wagte. Nachdem ich als Vikarin bei meiner Heirat um meine Entlassung aus der Anwärterliste auf das geistliche Amt hatte ersuchen müssen, war mir von der Kirchenleitung gleich nach der Hochzeit angeboten worden, Religionunterrricht zu erteilen. Das Privileg, einen Beruf ausüben zu dürfen, war damals nur wenigen Frauen von Pfarrern beschieden.
Ja, ich hatte 1965 versprochen, in der Gemeinde, mit der Gemeinde etwas tun zu wollen.

Links Frau Schartau auf dem Ausflug mit der Gemeinde aus Zurow

Als in den ersten Oberstaufener Jahren die persönlichen Dankesbriefe der mecklenburgischen Partnergemeinde Zurow für erhaltene Weihnachtspäckchen im Pfarrhaus ungeöffnet abgegeben wurden, suchte ich nach einem Weg, der zu persönlichem Kontakt führte. Trotz der unterschiedlichen Lebenswelten, in denen der aufstrebende Kurort Oberstaufen und das von der LPG geprägte dörfliche Zurow, 11 km östlich von Wismar, lebten, entwickelte sich doch der ein und andere persönliche Kontakt. Ich lernte 1983 durch eine Reise nach Zurow Frau Neumann kennen, die als Katechetin von der mecklenburgischen Kirche einen Predigtauftrag für Zurow übertragen bekommen hatte. Sie wohnte mit ihren Mann, dem Kreiskatecheten und den beiden Kindern im Pfarrhaus. Für mich wurden aus Namen Gesichter. Die Herzlichkeit mit der Irmgard Barten, die Seele der Gemeinde, mich empfing, schlug eine Brücke zu den Zurowern. Zwei Rentnerinnen, Frau Barten und Frau Brauer wagten bald darauf einen Besuch bei uns im Allgäu. 1988 fuhren Frau Schartau, Frau Elze, Frau Zellmann und ich mit einem vollbeladenem Auto nach Zurow. Wir erlebten herzliche Gastfreundschaft. Im Sommer 1989 machten Frau Zellmann und ich zu zweit einen weiteren Besuch in Mecklenburg. Im Juli 1990, inzwischen war ja die Mauer gefallen, kam eine stattliche Zahl Zurower, auch Neumanns, um Oberstaufen, das Allgäu und den Bodenseeraum kennenzulernen.

Vikar Matthias Büttner, Frau Baumgartner auf dem Ausflug

Es war unter anderem auch ein Besuch bei dem Ehepaar Boch in Wolfsried geplant, den einzigen Nebenerwerbslandwirten in der Gemeinde. Mein Mann fragte vorsichtig an, ob es nicht zu aufwändig wäre, so viele Gäste auf dem Hof zu bewirten. Dazu meinte Herr Boch schmunzelnd: „Das trägt`s Gütle noch.“ Ein liebenswürdiger Ausspruch, der seitdem in unserer Familie in ähnlichen Situationen zu einem geflügelten Wort geworden ist.

Gemeindefest

Die Gäste aus Zurrow feierten unser Gemeindefest zur 35-Jahrfeier der Heilig-Geist-Kirche mit uns und pflanzten ein kleines Bäumchen auf dem Grundstück. Versehentlich fiel diese zarte Pflanze eines Tages dem Rasenmäher zum Opfer. Ein schlechtes Omen? Unser Vikar Matthias Büttner und ich fuhren 1991, kurz vor unserem Wechsel nach Lindau, mit einer Jugendgruppe nach Zurow. Es blieb nicht aus, dass sich während des Besuchs DDR-Erziehung und westliche Erziehung miteinander rieben. Ehemalige DDR-Bürger waren es auch nicht gewohnt, Probleme anzusprechen. Die Dissonanz mit Neumanns ließ sich nicht auflösen. Schmerzlich erlebten das Frau Schartau und Herr Schirge bei einem späteren Besuch in Zurow. Dennoch werden viele Zurower, denke ich, das Allgäu und nicht zuletzt die Oberstaufener in guter Erinnerung behalten. Was zwischen Menschen an Vertrauen gewachsen war, wird bleiben.

Gemeindefest

Gerne denke ich an einen lebendigen Gesprächskreis zurück zu dem Oberstaufer Schüler/innen des Lindenberger Gymnasiums, an dem mein Mann einige Jahre Religionsunterricht erteilte, zusammen kamen. Über konfessionelle Grenzen hinweg trafen sich diese jungen Menschen bei uns im Wohnzimmer.
Bei manchen Aktivitäten, die ich übernahm, dachte ich zunächst an die eigenen Kinder. Beim Kindergottesdienst, bei der Jugendarbeit, bei den Weihnachtsspielen im Familiengottesdienst am Nachmittag des Heiligen Abend und bei der Gestaltung des traditionellen Adventsnachmittags, bei dem ich die Kinder durch Beiträge mit einbezog. Ich hatte dabei das Bild einer großen Gemeindefamilie vor Augen.
Mit den Kindergottesdienstkindern entstand über einen längeren Zeitraum eine Bildreihe zu Passion, Ostern und Weihnachten. Auf farbigen Plakatkarton setzten die Kinder unter Anleitung unserer Töchter Anne und Kathrin Bilder in Szene, die sehr lebendig wirkten. Als Farbpapier dienten dabei groß- aber auch kleinflächige Ausschnitte aus Illustrierten, die in Mappen nach Farben geordnet wurden. Manch Farbstück, das in sich gemustert war, erinnerte plötzlich an einen Königsmantel, an den Überwurf eines Hirten, an die Ladung, die ein Kamel mit sich führte oder an einen Baum und ließ so die Phantasie beim Gestalten weiterspielen. Frau Hesselbarth, eine ehemalige Kirchenvorsteherin hatte an den Bildern soviel Gefallen gefunden, dass sie Bilderrahmen dafür anschaffen ließ. Die Bilder schmückten dann viele Jahre die Kirche. Der Verlag Ernst Kaufmann, Lahr veröffentlichte 1989 in seiner Reihe der „Mitmachtbüchlein“sogar den Weihnachtszyklus in dem Heft „Wir freuen uns auf Weihnachten“.

Die Krippe der Gemeinde

Eine Weihnachtskrippe zum Anfassen fehlte lange in der Kirche. Kinder sollten die vertraute Weihnachtsgeschichte staunend betrachten können: Maria mit dem Jesuskind, Josef, die Hirten, die Könige …. .Ein kleiner Kreis tastete sich vorsichtig an die Verwirklichung dieser Idee. Und als nach den ersten fertigen Krippenfiguren, die unter unseren Händen Gestalt angenommen hatten, unser Eifer erlahmte, uns wohl auch die Zeit fehlte, wurde Ursel Elze nicht müde, nach und nach die Krippe zu vervollständigen. Ohne ihr Talent und ihre Beharrlichkeit, wäre die Krippe nie so ansehnlich und umfangreich geworden,
1982 luden katholische Frauen mich ein, den Weltgebetstagesgottesdienst mitzufeiern. Ich hatte den Weltgebetstag als Vikarin wohl schon kennengelernt, aber die abgelesene Liturgie, dazu eine Predigt, hatte mein Herz nicht erreicht. Um einen Anlauf zu einem Neuanfang zu wagen, fehlten mir bis dato in jeder Hinsicht die Kapazitäten. Einige Jahre später, als Frau Beuerle den Weltgebetstag in jüngere Hände legen wollte, bat sie mich, diese Arbeit zu übernehmen. Das Vertrauen, das sie in mich setzte, rührte mich und erfüllte mich mit Dankbarkeit. Als dann das erste Mal die Initiative zur Gottesdienstvorbereitung von evangelischer Seite ausging, lud ich über die Zeitung alle Frauen ein, die Lust hätten bei der Gottesdienstvorbereitung mitzumachen. Ich staunte über die Resonanz. Erst als ich gefragt wurde, ob sie denn wirklich mitmachen dürften, erfuhr ich, dass katholischerseits der Frauenbund die Verantwortung für die Durchführung des Gottesdienstes trägt. Die Verjüngung und Auffrischung des Kreises tat der Sache aber ausgesprochen gut.

Osternacht

Mit unserem Vikar Jochen Wilde überlegte ich, wie die Liturgie einer nicht zu überfrachteten Osternachtfeier aussehen könnte. Die erste Feier war dann 1987. Vor dem anschließenden Osterfrühstück tanzte Ev Messner mit uns meditativ in den Ostermorgen. Das positive Echo auf diese erste Osternacht machte uns Mut, weiterzumachen. Selbst mein Mann, der im Hinblick auf die Ostergottesdienste am Vormittag sich für eine zusätzliche Mehrbelastung nicht hatte erwärmen können, wurde neugierig und fand Gefallen daran.
Aus der Gemeinde kam der Wunsch, jedes Jahr ein Fest mit der Gemeinde zu feiern. Es fand sich eine Gruppe, die überlegte, wie dieses Anliegen zu realisieren sei, ohne den Pfarrer zu sehr zu strapazieren.
Nachdem über viele Jahre das 1970 neu erbaute Pfarrhaus immer wieder als Raum für Gemeindearbeit eingeplant wurde, bot die alte Vikarswohnung, die seit 1970 als Kirchnerwohnung genutzt wurde die Möglichkeit, sie in ein „Gemeindstüble“ umzufunktionieren; ein spürbarer Fortschritt für die Gemeindearbeit, nicht zuletzt durch den Einbau einer eigenen Küche.
Über all die Jahre kamen immer wieder junge Menschen auf Zeit zu uns. Das empfand ich anregend und bereichernd. Zwei Gemeindehelferinnen-Praktikantinnen schickte Frau Trillhas, die das damals noch bestehende Gemeindehelferinnen-Seminar in Stein leitete, für jeweils ein halbes Jahr zu uns: Gabriele Ritscher1968 und Johanna Haug 1969. Vier Vikare arbeiteten in der Gemeinde mit: Christoph Reichenbacher, Andreas Schröter, Jochen Wilde und Matthias Büttner.. Seit 1979 machten Jahr um Jahr in Zusammenarbeit mit dem praktischen Theologen Professor Richard Riess an der Theologischen Hochschule in Neuendbettelsau Theologiestudent/innen ihr vierwöchiges Gemeindepraktikum bei uns; bereichernde Wochen für beide Seiten durch intensive Gespräche, Beobachtungen, Rückfragen.
Durch die Zusammenarbeit mit Margrit Aufmuth und Ingeborg Schmitz habe ich viel gelernt. Mit Lilli Erhardt verbinden mich besonders die Anfänge unseres Weltgebetstags. Dazu kommt die Erinnerung an eine kleine Friedensgruppe in den frühen 80er Jahren. Als wir das Gespräch mit Oberstaufer Bürger/innen suchten, um auf unsere christliche Verantwortung für den Frieden aufmerksam zu machen, bekamen wir zu hören: “Wir wählen schon christlich!“
Gerne erinnere ich mich auch an manch inspirierendes Predigtnachgespräch, zu dem mein Mann in den Sommermonaten einlud. Auf dem damals noch unbebauten Platz neben der Kirche fand sich ein großer Gesprächskreis, der weitgehend aus Urlaubern bestand, zusammen. Für die anwesenden Oberstaufner Gemeindemitglieder war der Gedankenaustausch spannend, weil offen Meinungen, Erfahrungen und Visionen zur Sprache kamen, ohne schon ahnen zu können, was die oder der Andere jetzt sagen würde.- Inoffizielle, spontane Gespräche nach dem Gottesdienst gab es im Café` Prinzess und hier und da nachmittags bei Margot und Otto Schnurrenberger im schönen Kalzhofer Garten.

Friederike Puchta

Bei meiner Rückschau denke ich noch einmal an Ursel Elze, die als Prädikantin in der Gemeinde wirkte und einen Bibelkreis leitete. Unvergessen ist Rosi Ulbrich, die viel zu früh sterben musste. Ihr erfrischendes Lachen wirkte ansteckend und verbreitete gute Laune. Als Kirchnerin in späteren Jahre hatte sie ein herzliches Wort für alle, die zum Gottesdienst kamen.
Ich habe ein Gefühl von Fülle, wenn ich an die Jahre in Oberstaufen zurückdenke. Alle, die sich einbrachten, waren wichtig und trugen zu der Qualität des Gemeindelebens bei. Je länger meine Gedanken zurück wandern, desto lebendiger werden diese 26 Jahre. Nicht alles was war, lässt sich in Worte fassen. Abschließend möchte ich danken für die gute gemeinsame Zeit.
Über das lebendige Gemeindeleben, das heute das Dietrich-Bonhoeffer-Haus erfüllt, freue ich mich von Herzen. Unsere damalige Vision von einem Gemeindehaus hat sich endlich auf so schöne Weise erfüllt.
Dem Pfarrer Frank Wagner, der Pfarrfamilie, allen, die in der Gemeinde mitarbeiten, mitdenken und sich engagieren, alle, die sich in der Gemeinde beheimatet fühlen, wünsche ich Gottes Segen.

Friederike Puchta
23.Juli 2013

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