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Lang ist`s her! – Pfr. i. R. Erich Puchta berichtet über seine Anfangszeit in Oberstaufen

Lang ist`s her!

Pfr. i. R. Erich Puchta berichtet über seine Anfangszeit in Oberstaufen

Heilig-Geist-Kirche Oberstaufen

Heilig-Geist-Kirche Oberstaufen

Lang ist`s her. Bald 50 Jahre, dass ich die Pfarrstelle in Oberstaufen übernommen hatte, damals noch Exponiertes Vikariat, davor eine Außenstelle von Immenstadt und dann auf dem Weg zu immer mehr Selbständigkeit.
Ein eigener Kirchenvorstand unterstützte den jungen Pfarrer. Ich war damals gerade 29 Jahre alt und hatte erste gemeindliche Erfahrungen als Vikar in der Großstadt gemacht: München. Nun also nach Oberstaufen.
Beim Frühstück hatte der Kreisdekan angerufen und mir Kastl in der Oberpfalz oder Oberstaufen im Allgäu vorgeschlagen. Er hätte am liebsten sofort meine Entscheidung gehört. Einen Tag Bedenkzeit erbat ich. Wo liegt das überhaupt: Oberstaufen? Gab es da nicht eine Skifahrerin, die Gold gewonnen hatte?
Oberstaufen? Ein Kollege riet ab, eine Freundin meiner Frau, die den Kurort kannte, riet zu. Also hatten wir uns für Oberstaufen entschieden.
Mit Ruth, unserer ersten Tochter, gerade ein Jahr alt, zogen wir in das kleine Pfarrhaus ein, das über die Sakristei direkt mit der Kirche verbunden war. Als bald zwei Töchter hinzu kamen, wurde es im Pfarrhaus recht eng. Mein Arbeitszimmer lag im Wohnbereich. Bei einem Tauf- oder Traugespräch ging meine Frau mit den Kindern spazieren.
Die Räume waren nicht unterkellert. Im Winter versorgte ein Ölofen drei Zimmer. Die Füße blieben kalt. Zum Ausgleich bot sich uns eine wunderbare Landschaft. Die Kinder lernten Skifahren. Wir nahmen alle an einem Skikurs teil.
Zwar war unsere Gemeinde in den Anfängen klein. Aber viele Gäste besuchten den Gottesdienst. Urlauber und Kurgäste, die auf die heilenden Kräfte des Wassers, Schwitzens und Fastens bauten. Leider fehlt die Erfahrung, in all den Jahren auch einmal eine Schroth-Kur gemacht zu haben. Schade!
Heilig-Geist-Kirche Oberstaufen

Heilig-Geist-Kirche Oberstaufen

Unsere Heilig-Geist-Kirche lag noch beschaulich am Ortsrand. Georg Drechsler, der Mann für alles in der Gemeinde, hatte rechtzeitig Grund und Boden für den Bau der evangelischen Kirche preiswert erworben. Der Grund war von Pappeln umsäumt. Gleich hinter dem Kirchengrundstück erstreckte sich eine ausgedehnte Wiese am Kühlen Grund, wo die Kinder im Winter Schlitten und Skifahren konnten.
Es gab noch keine Verbindungsstraße zur Schlossstraße, nur eine Hühnergasse, wie wir sie nannten. Am Schlossberg stand bereits ein mehrstöckiger Langbau, ursprünglich als Hotel gedacht,dann aber später als Klinik für krebskranke Patienten eingerichtet. Eine Große Herausforderung für einen jungen Pfarrer.
Der Vertrauensmann des Kirchenvorstandes Georg Drechsler wurde mir ein hilfreicher Freund und väterlicher Berater. Wenn ich in Oberstaufen über den Friedhof gehe, versäume ich es nicht, an seinem Grab vorbeizuschauen. Überhaupt findensich für mich auf dem Friedhof mehr Bekannte als inzwischen im Ort unter den Lebenden.
Ich denke dankbar an Frau Drechsler, die als frohe Organistin jeden Gottesdienst mit demselben vertrauten Vorspiel begann. Ich denke an Gustl Schirge, den treuen Freund, der nach Georg Drechslers Tod das Amt des Vertrauensmannes übernahm. Ich denke an die Mitglieder des Kirchenvorstandes der ersten Jahre: an Charlotte Hesselbarth, Dr. Eberhard Hesseln, Georg Hofmann, Walter Rimkus, Anni Trenkle. Sie alle leben nicht mehr. Auch nicht mehr unser zuverlässiger Verwalter der Finanzen Werner Popp, der zugleich auch Organist war. Er lebte in und mit der Musik und strahlte soviel Herzlichkeit aus.
Heilig-Geist-Kirche Oberstaufen

Heilig-Geist-Kirche Oberstaufen

Von Herrn Drechsler erfuhr ich manch Anekdotenhaftes zu unserer Heilig-Geist-Kirche.Der kriegsversehrte Künstler H. Distler, der das Altarbild unserer Kirche geschaffen hatte, hatte offenbar einen der 12 Apostel des Pfingstbildes vergessen. (Anstelle von Judas war ja Matthias nachgewählt worden) Man sieht es dem Bild an, wo der Künstler noch einen Apostel eingeschoben hat. Auch flog die Taube des Heiligen Geistes zunächst nach oben. Herr Drechsler machte den Künstler drauf aufmerksam, dass die Gemeinde dringend des Heiligen Geistes bedürfe, die Taube also bitte herabschweben möge. Bitte entscheiden Sie selbst, ob der Künstler den Rat aufgenommen hat.
Unsere Gemeinde war froh und dankbar, ein eigenes Gotteshaus zu besitzen. Es entstand über die Königseggstraße eine Achse von der dominanten katholischen Kirche zu der kleinen Heilig-Geist-Kirche am Ortsrand. Oft klangen die Glocken beider Kirchen zusammen. Und der Hahn auf dem Kirchturm wusste auf sich aufmerksam zu machen.
Man erzählte mir Schauergeschichten, wie vordem die Friedhofskapelle als Gottesdienstraum hatte dienen müssen. Da konnte es geschehen, dass am Heiligabend hinter einem Vorhang im Chorraum ein Sarg auf Beisetzung wartete.
Heilig-Geist-Kirche Oberstaufen

Heilig-Geist-Kirche Oberstaufen

Das Gemeindegebiet dehnte sich von Aach über Weißach, Kichdorf bis Konstanzer und von Steibis über Oberstaufen bis nach Stiefenhofen und Jungensberg aus. Anfänglich sollte auch noch Balderschwang betreut werden. Da ich Religionsunterricht in Stiefenhofen und Thalkirchdorf, im Kinderheim der Christl Cranz in Steibis, im Kindererholungsheim Maals und auch noch an der Berufsschule und später Realschule in Immenstadt zu halten hatte, war ich viel unterwegs. Der Dekan trug mir zudem zusätzlich die Aufgabe des Bezirksjugendpfarrers an. Als dann auch noch die Schlossbergklinik hinzukam, ging es an die Grenzen meiner Kraft. Auch fehlte die heute übliche Büroausstattung.
Mir half ein ganzjähriger Seelsorgekurs, der die pfarramtlichen Aufgaben begleitete. Später schloss sich eine klinische Seelsorge-Ausbildung an, um den Aufgaben in der Klinik gerecht zu werden.
Aufgrund dieser zusätzlichen Ausbildung konnte ich im Laufe der Jahre vier Vikare begleiten, die in unserer Gemeinde ihre ersten pfarrberuflichen Schritte taten.Ich möchte die Namen in Erinnerung rufen: Christoph Reichenbacher, Andreas Schröter, Jochen Wilde und Matthias Büttner, der inzwischen selbst Dekan ist.
Über den Aufbau einer Gemeinde gibt es heute viele Theorien und praktische Ratschläge. Ich hatte das schlichte Bild eines Hirten vor Augen, der sich um die weit verstreuten Gemeindeglieder kümmert und sie zu den Gottesdiensten auch in den Außenorten zusammen ruft. Ich erfuhr manche Unterstützung. Ich danke Hannelore Seyfried für ihren Dienst als Pfarramtssekretärin; Frau Scholz, der treuen Kirchnerin; Frau Gruber aus Kirchdorf, die für den Andachtsraum in der Klinik einen Wandteppich gewebt hatte, das Gotteslamm.; ich danke Helmut Rittweg für seinen Organisten-Dienst; Ursel Elze, die sich als Prädikantin mit ganzem Herzen eingebracht hatte, den guten Nachbarn Strikfeld und nicht zuletzt Frau Schartau, die als Hundertjährige etliche Pfarrer hat kommen und gehen sehen.
Meine Töchter haben sich auf vielfältige Weise eingebracht: im Jugendkreis, im Kindergottesdienst, beim Friedensgebet und nicht zuletzt beim Schneeschippen, um den Zugang zur Kirche freizuhalten. Ich danke meiner Frau, die mir nicht nur den Rücken freigehalten, sondern selbst das Gemeindeleben mitgestaltet hat. Davon wird sie in einem eigenenBeitrag berichten.
Als ich nach Oberstaufen kam, stand auf dem Altar ein schlichtes Holzkreuz mit dem Kruzifixus. Es hat nunmehr seinen Platz im neuen Dietrich Bonhoeffer Gemeindehaus gefunden.Im Kirchenvorstand suchten wir damals eine Lösung, die dem großflächigem Fresko hinter dem Altar besser entsprechen sollte. Der einheimische Künstler Fidelis Bentele schuf für uns den österlichen Christus, der segnend seine Arme ausbreitet. Es war, soviel ich weiß, sein erstes Werk am Ort. Als Pfarrer habe ich mich gerne unter diese segnenden Arme gestellt. Später kam noch die Gestalt des Abraham hinzu, der seine Hände ausstreckt, um Gottes Gnade zu empfangen. Passend zur Taufschale, die dort steht.
Pfarrer Erich Puchta

Pfarrer Erich Puchta

Inzwischen führt Pfr. Frank Wagner, bereits mein zweiter Nachfolger nach Pfr. Klaus Pfaller, die Arbeit in der Gemeinde mit großem Einsatz fort. Vor mir wirkten Pfr. Bär, Pfr. Werner und Pfr. Kusch in der Gemeinde.
Im 1. Brief an die Korinther, 3,6 schreibt Paulus, er habe gepflanzt, ein anderer begossen, Gott aber habe das Gedeihen gegeben. Er hätte das Bild auch weiter entfalten können: er habe entsteint, gepflügt, geeggt, gesät, gepflanzt, ein anderer begossen, gehegt, beschnitten, geerntet. Jeder nach seinem Talent. Uns was eben gerade dran war. Alles zu seiner Zeit.
Gerne denken meine Frau und ich an die Zeit in Oberstaufen zurück. Es durfte für uns und unsere Kinder über 25 Jahre Heimat sein. Noch heute fühle ich mich in unserer vertrauten Kirche zuhause.

im Juni 2013
Erich Puchta

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