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Predigt zum Thema “Dem Fremden begegnen”

Predigt im Berggottesdienst zum Sonnenaufgang am Gipfelkreuz des Hochgrates am 17.7.2016

Karl Valentin – die Fremden

Vielleicht haben sie sich über die Silhouette von Karl Valentin auf der Vorderseite des Liedblattes gewundert. Aber das hat darin seinen Grund, dass es von Karl Valentin einen sehr schönen Dialog gibt, der das heutige Thema wiederspiegelt: dem Fremden begegnen. Der Dialog stammt aus dem Jahr 1940, ist ein Gespräch zwischen Lehrer und Schüler und trägt die Überschrift: Die Fremden – zweite Lesung.

Schüler: Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.

Lehrer: Das ist nicht unrichtig – und warum fühlt sich ein Fremder nur in der Fremde fremd?

Schüler: Weil jeder Fremde, der sich fremd fühlt, ein Fremder ist, und zwar so lange, wie er sich nicht mehr fremd fühlt, dann ist er kein Fremder mehr.

Lehrer: Sehr richtig! Wenn aber ein Fremder schon lange in der Fremde ist, bleibt er dann ein Fremder?

Schüler: Das ist nur so lange ein Fremder, bis er alles kennt und gesehen hat, denn dann ist ihm nichts mehr fremd.

Lehrer: Es kann aber auch einem Einheimischen etwas fremd sein!

Schüler: Gewiss, manchem Münchner zum Beispiel ist das Hofbräu-haus nicht fremd, während ihm in der gleichen Stadt das deutsche Museum, die Glyptothek, die Pinakothek und so weiter fremd sind.

Lehrer: Oho! – Und was sind Einheimische?

Schüler: Dem Einheimischen sind eigentlich die fremdesten Fremden nicht fremd. Der Einheimische kennt zwar den Fremden nicht, er erkennt aber am ersten Blick, dass es sich um einen Fremden handelt.

Lehrer: Wenn aber ein Fremder von einem Fremden eine Auskunft will?

Schüler: Sehr einfach: Fragt ein Fremder in einer fremden Stadt einen Fremden um irgendetwas, was ihm fremd ist, so sagt der Fremde zum Fremden, das ist mir leider fremd, ich bin nämlich selbst fremd.

Lehrer: Das Gegenteil von “fremd“ wäre also “unfremd“?

Schüler: Wenn ein Fremder einen Bekannten hat, so kann ihm dieser Bekannte zuerst fremd gewesen sein, aber durch das gegenseitige Be-kanntwerden sind sich die beiden nicht mehr fremd. Wenn aber die zwei zusammen in eine fremde Stadt reisen, so sind diese zwei Be-kannten jetzt in der fremden Stadt wieder Fremde geworden. Die bei-den sind also – das ist paradox – fremde Bekannte geworden.

Predigt
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
Fremd ist der Fremde nur in der Fremde, so Karl Valentin, und er spricht mit diesem Satz eine der Grunderfahrungen unseres Mensch-seins an: dass wir immer wieder fremd sind und dass wir immer wie-der dem Fremden begegnen. Und dabei geht es bei dem Thema „fremd“ nicht nur darum, dass uns durch Asylbewerber und Flüchtlinge im Moment viele fremde Personen begegnen. Denn fremd ist uns in un-serem Leben sehr vieles. Besuche ich jemanden zum Geburtstag, den ich bisher nicht kenne, so stehe ich bei einem Fremden vor der Tür. In einen Urlaubsort wie Oberstaufen kommen viele Fremde, also Menschen, die wir vorher nicht kennen und die wir in früheren Zeiten in Fremdenzimmern untergebracht haben. Fahre ich zum Einkaufen nach Kempten, begegnet mir Fremdes in ganz unterschiedlicher Weise. Und auch heute Morgen hier oben sind viele Menschen einander fremd.

Dem Fremden begegnen. Das Fremde begegnet uns dabei auch oft in uns selbst, wenn wir uns selbst nicht verstehen, oder da, wo uns jemand, den wir über viele Jahre kennen, plötzlich fremd wird und fremd erscheint. Und manchmal treibt uns ja auch die Sehnsucht hin zum Fremden, wenn wir z.B. eine Reise in ein fremdes Land unternehmen, um Land, Leute und Kultur kennenzulernen. Gerade da begegnen wir am intensivsten dem Fremden und merken am eigenen Leid das, was Karl Valentin so treffend geschrieben hat: fremd ist der Fremde nur in der Fremde.

Dem Fremden begegnen. Ganz unterschiedlich ist die Reaktion von uns Menschen darauf. Auf der einen Seite beherrscht viele Menschen die Angst vor dem Fremden. Fremde Menschen und Flüchtlinge äng-stigen uns und es gibt viele, die diese Angst schüren und damit Politik machen. Man entwickelt Misstrauen, fühlt sich bedroht, hat Berührungsängste. Ja nichts Verkehrtes sagen, ja nichts Falsches tun! Diese Angst vor dem Fremden kommt freilich daher, dass das Fremde das Eigene immer auch in Frage stellt. Dass „man“ auch ganz anders denken, fühlen, leben, „in der Welt sein“ kann, das kratzt an der Aus-schließlichkeit meines Denkens, meines Fühlens, meiner Lebensweise, meines „In-der-Welt-Seins“. Wenn ich mir dann noch meiner selbst, meiner Überzeugungen, meiner Lebensweise und meiner Zugehörigkeit zu anderen nicht sicher bin, dann wird die Verunsicherung durch das Fremde „gefühlt“ bedrohlich, ich wittere „Überfremdung“.

Auf der anderen Seite ist das Fremde auch etwas, was uns anlockt, was uns oft fasziniert, was wir gerne kennen lernen möchten. Darum lassen wir uns locken von fremdländischen Speisen, bereisen wir fremde Länder, sind fasziniert von Sendungen wir Terra X, die uns mitnehmen auf die Reise in fremde Welten und unbekannte Themen. Fremdes fasziniert, Fremdes lenkt den Blick weg von sich selbst. Offen dem Fremden zu begegnen bedeutet, den eigenen Horizont erweitern und Erfahrungen zu machen, die uns weiterbringen im Leben. Eines freilich ist bei der Begegnung mit dem Fremden wichtig: ob uns das Fremde lockt oder ob es uns Angst macht, das hat vor allem etwas mit uns selbst zu tun.

Vorhin in der Lesung haben wir von Jesus eine Geschichte gehört, wo er dem Fremden bzw. einer Fremden begegnet. Da wird erzählt, dass eine Frau nicht-jüdischen Glaubens aus Syrien zu ihm kommt und ihn bittet, doch ihrer kranken Tochter zu helfen. In ihrer Not weiß sie keinen anderen Ausweg mehr, als bei diesem fremden Lehrer und Wundertäter, von dem sie schon so viel gehört hat, Hilfe zu suchen. Man kann kaum erahnen, was sie alles auf sich genommen hat, nur aus dem einen Grund: Hilfe für ihre Tochter, Linderung ihrer Not. Und es steckt in diesem kleinen Satz so viel an Aktualität, weil gerade in unseren Tagen sich Menschen genau aus diesen Gründen auf die Flucht begeben, auf Booten im Mittelmeer ihr Leben aufs Spiel setzen, weil sie in Not sind und weil sie ahnen, dass es da Menschen und Länder gibt, die ihnen helfen. Aus der Not heraus, um Hilfe zu bekommen machen sie sich auf den Weg, die Flüchtlinge heute und die Frau damals bei Jesus.

Als sie Jesus begegnet, erfährt sie erst einmal Ablehnung. Jesus schweigt erst einmal, lässt sich von der Fremden nicht berühren. Was geht mich diese Fremde an! Was gehen mich die Fremden an, die auf dem Weg zu uns sind, das sind doch sowieso alles nur Wirtschafts-flüchtlinge. Die sollen lieber draußen bleiben, und wenn sie das nicht einsehen, dann werden Grenzzäune gebaut, dann werden mit einem dubiosen türkischen Politiker Geschäfte gemacht und man ruft nach Obergrenzen. Not aber kennt keine Obergrenzen und die Not der an-deren, auf der Suche nach Hilfe, geht mich wohl etwas an. Wenn wir noch ein christliche geprägtes Land sein wollen, dann sollten wir auch die christlichen Maßstäbe anwenden: was du einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan hast, das hast du mir getan, so ermahnt uns Jesus an unsere Verantwortung für unsere Mitmenschen und für die, die in Not sind. Unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religion. Allerdings musste das Jesus auch erst einmal lernen. Denn gehört: erst einmal Ablehnung. Er schweigt, fühlt sich vielleicht auch von der Frau genervt, er will jetzt nicht.

Und so greifen seine Jünger in das Geschehen ein und wollen ihn da-rauf zur Hilfe zwingen: allein aus der Motivation heraus, dass die Frau dann endlich aufhört sie alle zu bedrängen. Hilf ihr, dass endlich Ruhe ist, such nach Lösungen, dass wir nicht mehr länger gestört werden. Die Fremde bringt unsere ganze Ordnung durcheinander. Das Fremde bringt unsere Ordnung durcheinander. Jetzt haben wir uns so schön eingerichtet und die Begegnung mit dem Fremden führt dazu, unsere Ordnungen zu überdenken. Das aber bedeutet oft, Gewohntes, was einem Sicherheit gibt, zu ändern; und das wollen wir oft nicht, weil uns dann vermeintlich ein Stück weit Geborgenheit verlorengeht. Da-rum auch die Angst vor dem, was fremd ist.

Jesus lehnt erst einmal aus einem anderen Grund ab: er fühlt sich nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel, aber nicht zu den Fremden. Es ist schon erstaunlich, wie eng denkend Jesus hier ist. Hilfe für die Einheimischen ja, aber nicht für die Fremden, für die fühlt er sich nicht verantwortlich. Ein Muster, das uns auch heute immer wieder begegnet.

Die Frau aber lässt nicht locker, auch nicht, als Jesus ihr klar macht: „es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde!“ Es ist beinahe schon beleidigend, wie Jesus da rea-giert. Und man erwartet es von Jesus eigentlich nicht, dass er so ab-lehnend auf die Fremde reagiert. Schroff und hart, wie wir es auch aus unseren Tagen kennen, von den Ländern und Regierungen, die gerne das Geld der EU empfangen, aber nicht bereit sind, Fremde aufzu-nehmen; die Asylbewerber in Lagern unterbringen, wo würdiges men-schliches Leben kaum möglich ist. Schroff und hart, wie manche auch unter uns in ihren Äußerungen gegenüber Fremden reagieren. Ob die fremde Frau Jesus wohl auch Angst gemacht hat? Ob er wohl auch Angst hatte dem Fremden zu begegnen? Ob er wohl auch Berührungs-ängste hatte?

Die Frau aber gibt nicht auf. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpft sie für ihre kranke Tochter. Denn für sie ist klar, dass dieser Jesus allen Menschen, auch den Fremden helfen kann. „Ja, Herr, aber es fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihres Herrn fallen“, so antwortet sie Jesus. Oder anders gesagt: wenn Jesus den Ju-den, zu denen er sich gesandt fühlt, helfen könne, dann könnte er doch auch für die anderen ein Bröckchen fallen lassen.

Diese Antwort scheint in Jesus eine Veränderung seiner Einstellung gegenüber dem Fremden und der Fremden bewirkt zu haben. Die Frau scheint sein Herz berührt zu haben und das Herz beginnt, sich über den Verstand und alle Vernunftgründe, warum Hilfe jetzt nicht angebracht ist, hinwegzusetzen. Vielleicht auch dadurch, dass er und die Frau durch die Begegnung und das Gespräch fremde Bekannte geworden sind und einander nicht mehr fremd sind. Unfremd also, wie Karl Valentin sagt. Denn Begegnung und einander kennenlernen ist ein erster Schritt um einander nicht mehr fremd zu sein.

Und Jesus ändert seine Einstellung der Fremden gegenüber. Denn er scheint sich in diesem Augenblick bewusst geworden zu sein, dass das Heil Gottes, seines Vaters, dass er in die Welt bringt, allen Menschen gelten soll. Auch dem Fremden. Die Begegnung mit der Fremden erweitert gewissermaßen seinen Hori-zont und bringt ihn in seinem Denken und seiner Einstellung weiter. Und am Ende hilft er der Frau tat-sächlich: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst“, so endet die Begegnung und die Tochter der Frau wird gesund zu selben Stunde. Und so sehen wir auch an Jesus: ob uns das Fremde lockt oder ob es uns Angst macht oder nervt, das hat vor allem etwas mit uns selbst zu tun.

Dem Fremden begegnen. Das ist und das bleibt Teil unseres Lebens. Und es ist an jedem einzelnen, wie er dem Fremden begegnet. Das Verhalten Jesu spiegelt dabei viel von dem, wie auch wir uns dem Fremden gegenüber verhalten. Aber es zeigt auch an, wie Fremdes überwunden werden kann, wie aus Fremden Bekannte werden können. Dann nämlich, wenn das Herz über den Verstand siegt und wir auch unser Herz öffnen für die, die unsere Hilfe brauchen.

Und eines sollte uns gerade als Christen immer bewusst sein: dass uns in jedem Fremden Christus selber begegnet. Denn was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. Amen.
Und der Friede Gottes … . Amen.

Pfarrer Frank Wagner

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