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Predigt zum Thema “Ochs und Eseln in der Krippe” zur Christmette 2018

Predigt zum Thema „Ochs und Esel in der Krippe“ zur Christmette 2018 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der für uns Mensch geworden ist und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei nun mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

zum Einstieg in meine Predigt habe ich ihnen heute Abend zwei Figuren aus unserer Krippe hier in der Kirche mitgebracht. Es sind – sie werden es schon erahnen – Ochs und Esel. Wer unter ihnen zu Hause eine Krippe hat, bei dem gehören diese beiden Tiere auch mit hinzu zu all den Figuren, die in der Krippe bzw. im Stall auftreten. Maria und Josef, das Kind, die Schafe, die Hirten und später dann auch die 3 Weisen aus dem Morgenland. Und eben auch Ochs und Esel.

Ist ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass die beiden in der Erzählung bei Lukas, im berühmten Weihnachtsevangelium, überhaupt nicht erwähnt werden? Wir haben die Geschichte ja gerade vorhin als Lesung gehört. Da heißt es nur: Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Nichts von Ochs und Esel, ja nicht einmal ein Stall ist erwähnt. Nur die Futterkrippe, in die Maria das neugeborene Kind legt. Seltsam nicht wahr? Denn nicht nur in jeder unserer Krippen sind die beiden zu finden, sondern auch in ganz vielen bildlichen Darstellungen. Wie aber sind die beiden da hineingekommen?

Die ältesten Darstellungen der Geburt Jesu zeigen, wie gewohnt, das göttliche Kind in der Krippe. Doch erstaunlicherweise stehen daneben nicht Maria und Josef, sondern die beiden Tiere, Ochs und Esel. Of-fensichtlich waren den frühen Christen diese beiden Tiere wichtiger als die Darstellung der Heiligen Familie, wie z.B. der Sarkophag der Crispina aus dem 4. Jh. zeigt, der heute in den Vatikanischen Museen zu finden ist.

Warum aber mag sich ein bibelkundiger Christenmensch fragen, haben sich Ochs und Esel gegen den Text bei Lukas so erfolgreich im Stall von Bethlehem festsetzen können? Noch verwunderter mögen sich das die fragen, die von der Bibel keine Ahnung haben. Denn Ochsen und Esel gelten in unserer Sprache und Vorstellungswelt nicht gerade als Symbole für etwas Edles und Erstrebenswertes. Der „blöde Ochse“ und der „dumme Esel“ sind im Gegenteil vielmehr regelrechte Spitzenreiter unter un-seren Schimpfworten. In diesem Sinn hat auch Erich Honecker kurz vor seiner Absetzung den Och-sen und den Esel bemüht. Am 6. Oktober 1989 hat er am Vorabend des 40. Jahrestages der DDR der staunenden Weltöffentlichkeit verkündet: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“.

Wie also kamen nun Ochs und Esel in die Krippe? Wie so oft in der Bibel besteht auch hier ein direkter Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament.  Im Lukasevangelium entsteht über das dreimalige Stichwort “Krippe” im Zusammenhang mit der Geburt Jesu eine Verbindung zu einer Textstelle aus dem Buch Jesaja, die darauf anspielt, dass das Volk Israel seinen Gott vergessen hat: “Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis” (Jesaja 1,3).  Der Prophet drückt mit seinem Tiervergleich aus, dass zwar die Haustiere wissen, zu wem sie gehören und von wem sie ihr Futter erhalten, dass aber das Volk Israel immer wieder dieses Wissen vergisst. Der Vergleich mit Tieren hat dabei in der Bibel durchaus Tradition und klang nicht so abwertend wie in heutigen Ohren. Es ging nicht darum, ein “Arbeitstier Gottes” zu sein, sondern zu Gott zu gehören.

Die frühen Kirchenväter haben das Zitat aus dem Buch Jesaja verbunden mit der Geburt des Gottessohnes und der Frage, ob Jesus von den Menschen erkannt wird oder nicht. Dabei wurden Ochs und Esel zu Symbolen der Heidenvölker und des Volkes Israel: der Ochse steht für das Volk Israel und ist manchmal mit einem Joch dargestellt, welches das jüdische Gesetz symbolisiert, und der Esel steht für die Heiden. Soll heißen: das Judentum anerkennt zwar seinen Herrn, erkennt ihn aber nicht in dem Kind, während sich die Heiden dem richtigen Glauben zuwenden. Gregor von Nyssa entwickelt den Gedanken weiter: zwischen den an das Gesetz gebundenen Juden und den vom Götzendienst belasteten Heiden liegt der Gottessohn, der sie von ihren Lastern befreit. Erst ab dem 5. Jahrhundert – nach dem Konzil von Ephesos – erscheint Maria an der Krippe. Ab dem 6. Jahrhundert treten die Tiere in den Hintergrund und Maria und das Kind werden zum Mittelpunkt des Weihnachtsbildes. Diese Überlieferungen münden dann im 7. Jahrhundert in das Pseudo-Matthäus-Evangelium, wo es dann heißt: „Am dritten Tag nach der Ge-burt des Herrn verließ Maria die Höhle und ging in einen Stall. Sie legte den Knaben in eine Krippe, und ein Ochse und ein Esel beteten ihn an. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist: Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn. So also kamen Ochs und Esel in die Krippe und sind bei den meisten unter uns in ihrer Weihnachtskrippe zu finden.

Was bedeutet das aber nun für uns und unsere Zeit, dass Ochs und Esel in der Krippe dabei sind? Für mich gibt es da mehrere Punkte:

1. Dass die beiden Tiere da in der Krippe dabei sind, ist ein Symbol, nämlich das Symbol dafür, dass bei Gott die ganze Welt und alle Völker Platz haben. Alle, ob Mensch, ob Tier, ob arm, ob reich, ob ein-heimisch, ob fremd – alle sind beim Kind in der Krippe, beim Gottessohn, beim neuen König will-kommen. Hier geht es eben nicht so zu wie in europäischen Königshäusern, wo der Nachwuchs streng ab-geschottet wird. Nein, zum Kind in der Krippe darf jeder kommen und das hat sich ja dann im Leben des Jesus von Nazareth so fortgesetzt. Alle durften zu ihm kommen – ich erinnere nur an die Kinder – und immer hatte er ein besonderes Herz und eine Offenheit für die am Rande. Mit Ochs und Esel dürfen darum auch wir an Krippe treten.

2. Auf allen Bildern schaut es immer sehr idyllisch aus, wenn Ochs und Esel nebeneinander stehen. Aber das Idyll von Ochs und Esel darf uns nicht täuschen. Ein Bauer zur Zeit Jesu hätte sich bei diesem Bild die Haare gerauft, Ochs und Esel nebeneinander tut nicht gut! Denn Ochs und Esel passen nicht zusam-men. Es gibt eine eigene Anweisung im Alten Testament, die besagt: „Du sollst Ochs und Esel nicht zusammen vor den Pflug spannen“ (Dtn 22,10). Der Ochs wäre geneigt, dem Esel mit seinen Hörnern eins in die Rippen zu stoßen, und der Esel gibt gerne mit den Hufen zurück. Ochs und Esel – zwei, die sich nicht vertragen. Kein Wunder dass das Weisheitsbuch Jesus Sirach dieses Bild aufgreift, um ein ständig streitendes Ehepaar zu kennzeichnen – und den klugen Rat gibt: „Selig der Gatte einer klugen Frau, der nicht gleichsam mit einem Gespann von Ochs und Esel pflügen muss“ (Sir 25,8).

Merken Sie jetzt eigentlich, welcher Zündstoff und welche Herausforderung hinter unseren Krippen steckt? Es ist der Traum von einer anderen Welt. Von einer friedlichen Welt. Von einer Welt, wo Reich und Arm, Hoch und Niedrig, verschiedene Meinungen und Charaktere ihren Platz haben und es neben-einander aushalten. Dafür stehen Ochs und Esel, als Zeichen dafür, dass dies seit dieser Nacht möglich ist.

3. Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis (Jesaja 1,3). Dieser Satz mit dem Bild von Ochs und Esel erinnert uns alle auch daran, wer der wahre Herr der Welt ist. Wie viele Menschen laufen heute in fremde Ställe neuer Religionen? Wie viele Menschen suchen ihr Heil in esoterischen Dingen, in Heilsteinen und Mondkalendern? Wie viele Menschen laufen den heutigen Herren hinterher, die ihnen alles versprechen, aber am Ende doch nicht halten? Ochs und Esel erinnern daran, wo für uns Christen der wahre Herr zu finden ist. Und mit ihm das Heil. Und das Heil bedeutet: Gott ist in diese Welt gekommen, ist Mensch geworden, um ganz neu an unserer Seite zu sein. Um mit uns auch heute noch alle Wege zu gehen, die das Leben bietet. Denn uns ist heute der Heiland geboren!

Am Ende der Predigt noch eine kleine Geschichte zum Schmunzeln. Wie Ochs und Esel an die Krippe kamen, das stellt sich der österreichische Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl so vor:

Als Jesus mit Maria auf dem Weg nach Bethlehem war, rief ein Engel die Tiere heimlich zusammen, um einige auszuwählen, der Heiligen Familie im Stall zu helfen. Als erster meldete sich natürlich der Löwe: “Nur ein König ist würdig, dem Herrn der Welt zu dienen”, brüllte er, “ich werde jeden zerreißen, der dem Kinde zu nahe kommt!” “Du bist mir zu grimmig”, sagte der Engel. Darauf schlich sich der Fuchs nä-her. Mit unschuldiger Miene meinte er: “Ich werde sie gut versorgen. Für das Gotteskind besorge ich den süßesten Honig und für die Wöchnerin stehle ich jeden Morgen ein Huhn!” “Du bist mir zu verschlagen”, sagte der Engel. Da stelzte der Pfau heran. Raschelnd entfaltete er sein Rad und glänzte in seinem Gefieder. “Ich will den armseligen Schafstall köstlicher schmücken als Salomon seinen Tempel!” “Du bist mir zu eitel”, sagte der Engel. Da kamen noch viele und priesen ihre Künste an. Vergeblich. Zuletzt blickte der strenge Engel noch einmal suchend um sich und sah Ochs und Esel draußen auf dem Felde dem Bauern dienen. Der Engel rief auch sie heran: “Was habt ihr anzubieten?” “Nichts”, sagte der Esel und klappte traurig die Ohren herunter, “wir haben nichts gelernt außer Demut und Geduld: Denn alles andere hat uns immer noch mehr Prügel eingetragen!” Und der Ochse warf schüchtern ein: “Aber vielleicht könnten wir dann und wann mit unseren Schwänzen die Fliegen verscheuchen!” Da sagte der Engel: “Ihr seid die richtigen!”

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen gesegneten Heiligen Abend mit Ochs und Esel im Stall. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfarrer Frank Wagner

Predigt Vom Ochs und Esel in der Krippe – Christmette 2018

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