«

»

Predigt zum Thema „Reformation und Ökumene“ – Reformationsfest 2017

Predigt zum Reformationsjubiläums am 31.10.2017 mit dem Thema “Reformation und Ökumene”.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

kennen sie Heini und Reini? Nein, es handelt sich hier nicht um ein neues Komikerduo a la Waltraud und Mariechen. Und Heini und Reini sind auch kein neues Zauberduo wie die Ehrlich-Brothers. Nein, Heini und Reini, das ist inzwischen der Spitznamen von Heinrich Bedford Strohm, bayer. Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender, und Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz. Den Spitznamen Heini und Reini haben die beiden bekommen, weil sie einen guten Draht zueinander haben und sich gut verstehen. Beide stehen im Moment auch für eine gelingende Ökumene, erst vor kurzem haben sich beide zur Ökumene bekannt. Zu lesen in der Zeitschrift „Die Zeit“:

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutsch-land (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm, haben weitere Annä-herungen in der Ökumene zugesagt. »Inmitten einer säkularisierten und weltanschaulich pluralen Gesell-schaft, in der viele Mitmenschen nicht mehr zwischen katholisch und evangelisch unterscheiden, müssen wir gemeinsam auftreten«, schreiben die Kirchenvertreter in der Wochenzeitung »Zeit«.

Das Reformations-Gedenken 2017 solle kein Schluss-, sondern ein Doppelpunkt der Ökumene sein, so Marx und Bedford-Strohm. »Wir verpflichten uns, insbesondere der Frage nach der sogenannten sicht-baren Einheit nachzugehen und zu klären, was sie bedeutet.« Es gebe weiterhin »Schmerzhaftes und Trennendes, und keiner kann ein Datum festlegen, an dem das Trennende endgültig überwunden sein wird«.

So erfreulich dieses Bekenntnis zur Ökumene von den beiden ist, die Stimmen derer, die eher das Gegenteil vertreten, sind nicht zu überhören. Im selben Artikel ist zu lesen: Derweil griff der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, früher Chef der Glaubenskongregation im Vatikan, die Vorstellung einer weichgespülten Ökumene scharf an. Was als Reformation Martin Luthers bezeichnet werde, sei in Wirklichkeit eine Revolution und »wider den Heiligen Geist« gewesen, schrieb Müller in einem Internet-Magazin. Und weiter: Heute müsse man zwar auch das Wirken des Heiligen Geistes in nichtkatholischen Christen wahrnehmen. Über die Substanz der Glaubenslehre könne es aber keinen Dialog geben. Andern-falls hieße dies, dass die Kirche »über tausend Jahre Glaubensirrtümer gelehrt hat«. Es sei Kernelement der Glaubenslehre, dass die Kirche »in der Heilsweitergabe in den Sakramenten nicht irren kann«.

Auch Kardinal Rainer Maria Woelki sieht in der Ökumene zahlreiche Baustellen. Gerade der wech-selseitige Empfang von Eucharistie und Abendmahl bei konfessionsverschiedenen Ehen kommt für ihn zu früh. Der Kardinal ergänzte, dass eine Konfession die andere nicht zur Feier der Einheit in Christus einladen könne, solange sie ihr eigenes Christusbekenntnis von dem Christusbekenntnis der von ihr einge-ladenen Konfession unterscheide. Das sensible Thema “eucharistische Gastfreundschaft” sei belastet von Unterstellungen und vielen Vorurteilen, so Woelki weiter. Dabei erwecke der Begriff “die abwegige Vorstellung, der Einladende sei nicht Christus, sondern eine Konfessionsgemeinschaft”.

So also die beiden Pole, die mich herausgefordert haben, heute das Thema Reformation und Ökumene als Thema meiner Predigt aufzugreifen. Wenn man dabei das Wort Ökumene hört, denkt man vor allem an die beiden großen Konfessionen. Ökumene aber ist viel weiter gefasst. Die ökumenische Bewegung (von Ökumene, griech. oikoumene, „Erdkreis, die ganze bewohnte Erde“) ist eine Bewegung im Christentum, die eine weltweite Einigung und Zusammenarbeit der verschiedenen Konfessionen anstrebt. Die Bewe-gung begann, nach verschiedenen Ansätzen schon in der frühen Neuzeit, zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie fand ihre institutionelle Gestalt vor allem im Ökumenischen Rat der Kirchen. Mitglieder sind die meisten großen Kirchen der evangelischen Traditionen (Lutheraner, Reformierte, Methodisten, Baptisten etc.), die anglikanischen Kirchen, die alt-katholischen Kirchen und die meisten orthodoxen und alt-orientalischen Kirchen. Die römisch-katholische Kirche gehört dem ÖRK nicht an, einerseits da nach Auffassung von Teilen in der katholischen Kirchenleitung Kirchenbild und Ekklesiologie nicht kompa-tibel seien. Sie arbeitet aber in mehreren Bereichen mit dem ÖRK zusammen. Ökumene in diesem Sinne also eine relativ junge Bewegung, die ihren Aufschwung v.a. nach dem 2. Weltkrieg nahm.

Die Zeiten vorher, die waren von der Trennung und gegenseitigen Bekämpfung geprägt. Dabei ging es nicht nur evangelisch gegen katholisch, lange Zeit gab es auch heftige Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten. Und sind ja nicht nur die großen Glaubenskriege und die Verfolgung und Flucht wegen des Glaubens (z.B. Salzburger Exulanten), die einem hier vor Augen stehen. Sondern es sind vor allem so die ganz normalen Erfahrungen der Abschottung, die evangelische und katholische Christen miteinander gemacht haben. In seiner Kanzelrede hat Bürgermeister Beckel davon erzählt, wie sein Vater unter den Lutherischen aufgewachsen ist und wie sehr die Eltern darauf bedacht waren, dass das Miteinander ja nicht zu eng wird. Mit den Wiaschtgläubigen = Wüst-Gläubigen, Falschgläubigen – da wollte man nichts zu tun haben. Aber keine Sorge: das gab es auch anders herum. In überwiegend evange-lischen Gegenden waren es die Katholiken, mit denen man wenig zu tun haben wollte. Und das schlimmste, was passieren konnte war, wenn ein junger Mann eine junge Frau katholischen Glaubens mit nach Hause brachte. Bring mir fei bloß katholische ins Haus – diese Worte haben vielleicht manche unter ihnen von ihren Eltern gesagt bekommen. Ich persönlich bin übrigens ganz froh, dass ich mich nicht an diesen Ratschlag gehalten habe, sondern meine Frau geheiratet habe, die früher katholisch war, dann in die evangelische Kirche und inzwischen zu einer taffen Pfarrfrau a la Katharina Luther geworden ist. Und noch ein ganz aktuelles Beispiel: beim Seniorenausflug nach Isny haben wir davon erfahren, dass es in der evang. Reichsstadt Isny vor den Toren kleine Gartenhäuser gab, in denen die katholischen Angestellten nachts übernachten mussten, weil sie als Katholiken nicht in der evang. Stadt bleiben durften.

Gott sei Dank möchte man sagen hat sich die Situation verändert und ist vielfach besser geworden, gerade was das Thema konfessionsverschiedene Ehen betrifft, wobei es rein kirchenrechtlich bis heute keine echte ökumenische Trauung gibt, aber das nur am Rande. Viele Konfessionen erkennen sich inzwischen gegenseitig an und haben Abendmahlsgemeinschaft. Und ich denke, wir können froh und dankbar sein, dass es auch hier vor Ort im Moment gut läuft und die beiden großen Konfessionen einander näher ge-kommen sind. Das aber ist in meinen Augen ganz stark abhängig von Personen. Heini und Reini – das sind hier vor Ort Johannes und Frank und wenn einer von uns beiden einmal nicht mehr hier tätig sein wird, dann ist die Frage offen, wie die Ökumene weitergehen wird.

Wie sehr Ökumene von Personen abhängig ist, zeigt ein kleiner Blick in die Vergangenheit, als unter mei-nem Vorgänger z.B. die Neujahrsempfänge dazu genutzt wurden, um mit der anderen Seite „abzurech-nen“. Ganz aktuell gibt es als zweites Beispiel im kath. Bistum in Augsburg einen Generalvikar, der in puncto Benutzung katholischer Kapellen eine klare Grenze zieht und die Gastfreundschaft, die evangeli-sche Christen bisher dort genossen haben einschränkt. Konkretes Beispiel: evangelische Trauungen dürfen seit einiger Zeit nicht mehr in katholischen Kapellen stattfinden, sondern müssen in den evange-lischen Kirchen abgehalten werden. Und dabei haben wir gerade hier Kapellen, die sind schon gebaut worden, bevor es die Trennung zwischen evangelisch und katholisch überhaupt gegeben hat.

Tja und ganz aktuell ist eben das Thema Abendmahl und Eucharistie. Und die Trennung beim Abendmahl schmerzt mich nicht nur im Blick auf das Problem der konfessionsverschiedenen Ehen, sondern über-haupt, weil ich es eben auch schon erlebt habe, wie evang. und kath. Christen oben auf dem Berg zusam-men Abendmahl gefeiert haben. Was mich dabei im Moment persönlich am meisten ärgert und was man u.a. immer wieder in Leserbriefen lesen kann, ist der Punkt, wie Eucharistie und Abendmahl von seinem Inhalt her verstanden wird. Wie oft habe ich in den letzten Tagen gelesen: ja, bei den Katholiken, da gibt es die Wandlung und dadurch ist Jesus ganz real in Brot und Wein anwesend. Die Evangelischen ver-stehen das Ganze dagegen nur symbolisch. Darauf ein deutliches nein. Nein, das tun wir nicht. Auch wir glauben, dass wir, wie es Luther sagte, „in, mit und unter“ Brot und Wein, den wahren Leib und das wahre Blut Jesu Christi empfangen. Aber nicht dadurch, dass es vorher durch einen priesterlichen Akt verwandelt wird, sondern dadurch, dass jeder persönlich daran glaubt: wenn ich die Hostie empfange, wenn ich aus dem Kelch trinke, dann ist das Leib und Blut Jesus Christi, wahrhaft und real, aber es wandelt sich nicht durch Priesterworte, sondern allein durch meinen Glauben. Von Luther ist überliefert: auf dem Marburger Religionsgespräch, als er mit Zwingli und den Reformierten zusammen saß im Streit über das Abendmahl, da hat er auf den Tisch das Wort „est“ ist geschrieben. Es ist Christi Leib und Blut und eben nicht es bedeutet nur, dass es Leib und Blut von Jesus ist. Darum noch eine kleine Anmerkung an all uns Evangelische. Wenn der Pfarrer und der Kirchenvorstand Brot und Wein austeilen und bei der Austeilung sagen: Christi Leib, für dich gegeben, Christi Blut, für dich vergossen, dann stellt er ge-wissermaßen jedem Einzelnen die Frage: glaubst du, dass du nun Christis Leib und Blut erhältst? Darum gibt es darauf eigentlich auch nur eine Antwort, nämlich: Amen, ja so ist es, ja ich glaube es, aber bitte nicht Danke oder ähnliches, weil das in diesem Augenblick nicht passt.

Also, das denke ich sollte theologisch erst einmal geklärt und richtig gestellt sein. Aber ich finde, diese theologischen Unterschiede sollten auf dem Weg zum gemeinsamen Mahl viel weniger im Vordergrund stehen. Ökumenische Bewegung zeigt ja an, dass es möglich ist, auch bei unterschiedlichem inhaltlichem Verständnis sich doch gegenseitig im Abendmahl anzuerkennen. Und ich frage sie: was steht für sie im Zentrum, wenn sie Abendmahl feiern? Was ist für sie wichtig, wenn wir sie nachher an den Tisch des Herren treten? Ist das Wichtigste die „Wandlung“, wie auch immer sie vollzieht? Oder ist das Wichtigste die Gemeinschaft, in der wir erfahren dürfen, dass Jesus mitten unter uns ist? Und ist nicht das Abend-mahl auch Stärkung für meinen Weg? Oder habe ich da den Satz von den Mühseligen und Beladenen falsch verstanden, die Jesus zu sich ruft? Ist das Abendmahl nicht auch Vergebung der Sünden, also das gerade Rücken dessen, was ich in meinem Leben verbockt habe? Sie sehen schon: das Abendmahl ist von seiner Bedeutung her so vielschichtig, dass das Thema der Wandlung ja für viele wichtig sein mag, aber es ist – für mich zumindest – nicht der Schwerpunkt der Feier.

Und was für mich beim Abendmahl das Wichtigste ist und so hat es ja auch Kardinal Woelki ein Stück weit zum Ausdruck gebracht: es sind nicht die Konfessionen und deren Vertreter, die zum Abendmahl einladen, sondern Jesus Christus selber tut es. Und er ruft alle an seinen Tisch, den Petrus und den Judas und die Jünger, die nach der Verhaftung geflohen sind und sie und mich und jeden von uns. Jesus Christus selber lädt ein – er ist Geber und Gabe und allein in seinem Namen spricht die Kirche die Einladung aus. Das sollten wir bei allen Unterschieden und Trennungen niemals vergessen.

Reformation und Ökumene: meine Gedanken heute Morgen waren dazu sicher nur ein kleiner Ausschnitt, das Thema ist umfassender, als dass es hier umfassend behandelt werden könnte. Aber eines ist mir am Ende wichtig: egal welche Schwierigkeiten es in der Ökumene gibt, sie ist der einzige Weg für alle Christinnen und Christen in die Zukunft. Denn für die Zukunft der beiden großen Kirchen wird es noch wichtiger sein, gemeinsam Christen zu sein angesichts der immer größer werdenden Zahl der Nicht-Christen. Nicht gegen, sondern Miteinander gemeinsam auftreten und öffentlich Kirche sein, das ist der einzige gangbare Weg in die Zukunft. Noch werden wir in der Öffentlichkeit gehört und es wird nicht vergessen, dass wir eine wichtige Botschaft zu sagen haben. Noch ist es so. Gerade darum dürfen wir in Zukunft Worte nicht Gegeneinander richten, sondern nur miteinander. Denn für die Zukunft können wir uns ein Gegeneinander und eine Trennung der beiden großen Kirchen eigentlich nicht mehr erlauben. 500 Jahre Reformation sind dafür Anlass genug, sich das ganz tief ins Bewusstsein zu rufen. Und dafür immer wieder Gott auch um seinen guten Geist zu bitten.

Kardinal Reinhard Marx jedenfalls glaubt an ein absehbares Ende der Kirchentrennung. »Ich hoffe schon, dass ich diese Einheit der Kirche noch erlebe«, sagte Marx im Interview der »Nürnberger Nachrichten«. Und das ist doch mal eine positive Botschaft 500 Jahre nach Martin Luther. Amen.

Und der Friede Gottes.

Predigt gehalten am Reformationsfest 2017, 31.10.2017 in der Heilig-Geist-Kirche in Oberstaufen

Pfarrer Frank Wagner

Predigt zum Thema Reformation und Ökumene – 31.10.2017

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www1.oberstaufen-evangelisch.de/artikel/predigt-zum-thema-reformation-und-oekumene-reformationsfest-2017