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Gedanken zum Tag

Auch wenn das Leben im Moment ziemlich eingeschränkt ist, Veranstaltungen und Gottesdienste in unserer Gemeinde abgesagt wurde, möchten wir Sie dennoch mit ein paar spirituellen Impulsen und Texten durch diese angespannte Zeit begleiten.
Unser Pfarrer Wagner wird dafür jeden Tag einen Gedanken zum Tag mit Ihnen teilen, am Sonntag gibt es dann auch die Predigt.

Seien Sie eingeladen, sich einen Moment Zeit zu nehmen für sich selbst und für Gott.

Predigt zum 29.3.2020

Drinnen und draußen

Predigt zu Hebräer 13,12-14 am Sonntag Judika – 29.3.2020

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Der Text für die heutige Predigt steht im Hebräerbrief im 13. Kapitel, es sind dort die Verse 12-14:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Soweit der Text. Herr wir bitten dich: segne du nun unser Reden und unser Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

draußen vor der Tür – dieses Drama des deutschen Schriftstellers Wolfgang Borchert gehörte zu meiner Schulzeit zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht. Vielleicht haben sie es ja auch gelesen. Im Zentrum der Handlung steht der deutsche Kriegsheimkehrer Beckmann, dem es nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft nicht gelingt, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern. Während er noch durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägt ist, haben seine Mitmenschen die Vergangenheit längst verdrängt. Auf den Stationen seiner Suche nach einem Platz in der Nachkriegsgesellschaft richtet Beckmann Forderungen nach Moral und Verantwortung an verschiedene Personentypen, Gott und den Tod. Am Ende bleibt er von der Gesellschaft ausgeschlossen und erhält auf seine Fragen keine Antwort. Er bleibt – draußen vor der Tür.

Darum hat auch Jesus gelitten draußen vor dem Tor.

Es ist Frühlingszeit, die Uhr wurde heute Nacht umgestellt, die Tage werden länger. Man freut sich auf die hellere, sonnige Jahreszeit. Endlich raus gehen, die Wärme, den Frühling genießen, frische Luft atmen, den Wind durchs Haar spielen lassen und sich an den Blumen und Pflanzen erfreuen, die zu knospen und teilweise schon zu blühen beginnen. Hinaus nach draußen, hinaus vor die Tür.

Schön wäre es, denn im Moment machen wir ganz andere Erfahrungen mit dem nach draußen gehen. Aufgrund des Coronavirus sind unsere Möglichkeiten, nach draußen zu gehen, zurzeit sehr eingeschränkt. Einkaufen, den Hund spazieren führen, selbst Spazieren gehen, ein wenig Sport machen – aber nur in der Familie oder höchstens zu zweit. Abstand halten beim Einkauf und das Stehen vor verschlossenen Türen prägen unsere Tage. Bald kommt Ostern, doch die geplante Reise in den Osterferien wird in diesem Jahr eher nichts werden. Wir wollen nach draußen – und sind eingeschränkt, wie wir das vor einigen Tagen und Wochen nie hätten vorstellen können. Hinaus nach draußen, draußen sein vor der Tür – das ist nur eingeschränkt möglich.

Darum hat auch Jesus gelitten draußen vor dem Tor.

Draußen sein. Hinter dieser Sehnsucht steckt freilich auch eine ganz andere Erfahrung unseres Lebens. Dass wir draußen sind im übertragenen Sinn. Draußen, außerhalb, ausgegrenzt, außen vor. Raus aus einem wenigstens halbwegs unbeschwerten, frühlingshaften Leben. Gedrängt in äußere Not und innere Angst. Vielleicht seelisch tief verletzt, vielleicht sogar an Leib und Leben bedroht.

Draußen sein – eine Vielzahl leidvoller Situationen, eine Vielzahl von Menschen sehe ich da vor mir. Manche davon erlebe ich nicht direkt, lese bloß in der Tageszeitung von ihnen, oder habe abends beim Fernsehen die Bilder vor mir: Von denen, die „draußen sind“. Die – mit den Worten aus dem Hebräerbrief gesagt – die Schmach von Hunger, von Terror, von Diskriminierung und Gewalt erleiden müssen. All die Unzähligen in den Armuts- und Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt.

Draußen sein – das kann aber ebenso Menschen betreffen, die uns im ganz persönlichen Leben begegnen; auch in Ihrem, Deinem, meinem Umfeld gibt´s doch immer wieder diejenigen, die schlicht und einfach „draußen“ sind.

Draußen – vielleicht gehört der Schüler aus der Nachbarschaft dazu. Der, den schon in der KiTa fast keiner leiden konnte. Und jetzt wird er von praktisch allen gemobbt. Der, der kaum noch weiß, wie er nachts schlafen, den nächsten Tag überstehen soll.

Draußen – vielleicht betrifft es auch den Flüchtling ein paar Straßen weiter; von Familie und Heimat weit, weit entfernt. Im neuen Land alles andere als angekommen. Der die Sprache – noch – nicht versteht, die Sitten nicht kennt; der kaum einen oder sogar niemand an seiner Seite weiß.

Draußen – vielleicht ist da auch der, der sich vermeintlich selbst ins Aus katapultiert hat, an sich selbst, dem eigenen Zutun schier verzweifelt. Die Ehe kaputt, zu den Kindern kein Kontakt; der beste Freund die Flasche – und kein Ausweg in Sicht.

Und auch der Krebskranke aus dem Sportverein kann zu denen „da draußen“ gehören. Oder die Witwe, die trotz Trauerbegleitung den Tod ihres Partners einfach nicht verkraften kann, die in Depression gefangen ist. Oder unsere Bewohner des Seniorenheimes, die im Moment drinnen sind und damit draußen bleiben müssen. Oder der Obdachlose vorm Supermarkt, oder, oder, oder … die „da draußen“ haben viele Gesichter. Und manchmal ist´s schwer, in diese Gesichter zu sehen und sich ihrer Not bewusst zu stellen.

Was das schwer macht, das kann ganz verschiedene Ursachen haben. Vielleicht ist mir schlicht und einfach nicht klar, welches Kreuz auf einem anderen lastet, wie verfahren, unheilvoll seine bzw. ihre Lage tatsächlich ist. Vielleicht erfüllt mich der Blick auf das Leiden anderer – seien´s die Hungernden in der Welt, sei´s die Not vor Ort – auch mit dem Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit – was kann ich mit meinen begrenzten Möglichkeiten denn da überhaupt tun? Vielleicht werde ich auch durch den unheilbar Kranken, die Trauernde, den Gescheiterten, den Flüchtling mit eigenen Ängsten konfrontiert. Oder mit Vorurteilen und Vorbehalten, denen ich mich lieber nicht stellen will.

Darum hat auch Jesus gelitten draußen vor dem Tor.

Dieser Satz aus dem Hebräerbrief spielt an auf das Leben bzw. den Tod von Jesus. Mitten in der Passionszeit richtet der Satz den Blick nach vorne, hat bereits den Karfreitag im Blick, das Leiden und Sterben von Jesus, der draußen vor dem Tor – gemeint sind die Stadttore von Jerusalem, gemeint ist der Berg Golgatha, die Schädelstätte draußen vor den Toren – der dort draußen am Kreuz den Tod findet. Da draußen begegnet uns ebenfalls die Not, das Leiden und schließlich auch der Tod.    

Und gerade weil es im Leben nicht einfach ist, dies alles, was da draußen ist, in den Blick zu nehmen, dem Stand zu halten, zu denen „da draußen“ zu gehen, ist es wichtig, auf das zu hören, was uns der Schreiber des Hebräerbriefs ans Herz legt: „So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“

Diese Worte machen deutlich, um was es nicht nur, aber gerade auch in der Passionszeit und auch in dieser Zeit von Corona geht: „Da draußen“, da ist der leidende Jesus Christus, da ist in ihm Gott selbst. Gott stellt sich in ihm und mit ihm auf die Seite der Leidenden. Und an Gott glauben und Jesus, dem Gottessohn, folgen, das heißt demnach auch: Ich stelle mich auch auf diese Seite; stelle mich zu denen „da draußen“. Zu ihnen allen, die vom Leben tief gebeutelt, ausgegrenzt, abgeurteilt, wie verloren sind. Und ich tue das, was mir möglich ist, und im Blick auf Corona mit aller gegebenen Vorsicht, um ihre Not zu lindern, um Trost, um Halt, um neuen Grund zu geben – sozusagen „eine neue Statt.“ So, wie es ja, nicht zuletzt, im Hebräerbrief heißt: „Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Ja, auch wenn wir hier auf Erde keine bleibende Statt, keine feste, bleibende Stätte haben, so können wir alle doch immer wieder mithelfen, dass Menschen „da draußen“ einen Platz finden, wo sie wieder nach „drinnen“ kommen, wo sie Halt und Geborgenheit finden und Menschen, die ihre Tür für sie nicht verschließen.

Darum hat auch Jesus gelitten draußen vor dem Tor.

In diesem Satz freilich darf sich jeder von uns wiederfinden, jeder, der ebenfalls „draußen“ ist, aus den unterschiedlichsten Gründen. Jeder, der eben auch diese Momente von Leid und Not erlebt, die es immer wieder im Leben gibt. Denn da draußen vor dem Tor, da stellt sich Jesus, da stellt sich Gott selbst ganz auf die Seite von uns Menschen. Er leidet, damit wir darauf vertrauen können, damit wir daran glauben können, dass er uns in allem Leid, in allen persönlichen „Draußen-Sein-Erfahrungen“ ganz auf unserer Seite steht. Und auch wenn wir hier keine bleibende Statt haben, ist Jesus für uns die Stätte, an der wir Halt finden in allen Stürmen des Lebens. Egal, ob wir gerade drinnen oder draußen sind.

 

Herr unser Gott,

von dir leben wir, auf dich hin strebt unser Leben. Hilf uns darauf zu vertrauen, dass du bei uns bist, wo wir drinnen und wo wir draußen sind. Schenke uns die Kraft Boten deiner Liebe zu sein, gerade in diesen nicht einfachen Zeiten. Durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

 

In diesem Sinne allen einen gesegneten Sonntag – bleiben Sie gesund!

Ihr Pfarrer

Frank Wagner

 

Hinweis: diese Predigt entstand in Anlehnung an einen Predigtvorschlag aus dem Zentrum Verkündigung, verfasst von Pfarrerin Christina Jammers, Kirchstraße 38, 67578 Gimbsheim.    

 

Gedanken für den 28.3.2020

„Nicht nur die Angst ist ansteckend, sondern auch die Ruhe und die Freude, mit der wir dem jeweils Auferlegten begegnen“

Dietrich Bonhoeffer

„Mensch Papa, chill doch mal deine Base“ meinte neulich meine Tochter zu mir, als ich mich wieder einmal über das unvernünftige Verhalten mancher Mitbürger angesichts von Corona aufregte. „Chill mal deine Base“, das heißt nichts anderes wie „bleib doch einfach mal locker, reg dich nicht auf“. Und siehe da: die mahnenden Worte meiner Tochter halfen weiter und meine Aufregung war nicht weg, aber deutlich geringer wie vorher.

Das Beispiel ist mir eingefallen angesichts der heutigen Worte von Bonhoeffer. Worte, in denen es um das Thema der „Ansteckung“ geht. „Nicht nur Angst ist ansteckend, sondern auch die Ruhe und die Freude“. Was für ein Wort! Und wie treffend für diese Tage der Krise. Denn vor allem das erste erlebe ich in diesen Tagen massiv. Das Thema der Angst, die Menschen ergriffen hat. Grundsätzlich ist Angst ja nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Angst ist so etwas wie ein Schutzmechanismus, der uns erst einmal vorsichtig sein lässt, der uns vor möglichen Gefahren warnt. Gerade in diesen Tagen ist es darum sicher nicht falsch, ein wenig Angst zu haben und nicht blauäugig und unbedarft an die Situation heranzugehen. Aber Angst kann einen natürlich auch lähmen und alle Handlungen völlig einschränken.

Und Angst ist ansteckend: wenn ich meine Ängste, meine Bedenken, meine Sorgen weitergebe, dann kann das auch bei anderen genau dies bewirken. In dieser Zeit der Krise und der Angst ist das deutlich zu beobachten: gerade in den sozialen Medien werden mehr und mehr Ängste geschürt, Horrorszenarien gemalt, Menschen, die auf ihre Art und Weise versuchen zu helfen, werden belächelt. Auf vielfältige Art und Weise werden Angst und manchmal auch Panik geschürt. Warum hätten wir sonst auch so viele Hamsterkäufe?  Ja, Angst ist ansteckend und das sollten wir uns bei allem, was wir im Moment, sagen, machen und tun, deutlich vor Augen führen.

Gut, dass der Satz und der Gedanke von Bonhoeffer weitergeht: auch die Ruhe und die Freude, mit der wir dem Auferlegten begegnen, sind ansteckend, so sagt Bonhoeffer. Und ich finde er hat Recht – siehe das Beispiel von oben. Nicht nur Angst, sondern auch Ruhe und Freude sind ansteckend. Darum sollten wir in diesen Tagen genau das gegen alle Ängste, die geschürt werden, einbringen: Ruhe und Freude. Die ganze Sache ruhig angehen lassen. Sich nicht von Angst und Panik beherrschen lassen. In der Ruhe liegt die Kraft, so sagt das Sprichwort und aus der Ruhe heraus schaffe ich es leichter, mit dem Auferlegten umzugehen als mit Angst und Panik.

Neben der Ruhe ist auch die Freude ansteckend: wenn ich mich freue und fröhlich bin, kann ich das auch auf andere übertragen, anderen weitergeben. Und ich meine, dass dies in dieser Zeit so wichtig ist. Freude und Mut, Ruhe und Kraft weiterzugeben anstatt Ängste zu schüren.

Darum möchte ich Sie mit meinen Gedanken heute dazu auffordern: lassen wir heute doch einfach mal alle Ängste Ängste sein und schauen lieber darauf, was uns Freude macht. Ich zum Beispiel sitze beim Schreiben dieser Zeilen im Büro und schaue durch mein Fenster hinaus in einen sonnigen Tag und auf eine traumhafte Landschaft, an der ich mich freuen kann. Und weil Freude ansteckend ist, möchte ich die Freude mit allen teilen, die diese Zeilen lesen. Suchen sie sich doch auch etwas, was ihnen Freude macht und schicken sie dies einem lieben Menschen ganz in dem Sinn des Spruches von Bonhoeffer: Freude ist ansteckend und kann helfen dem Auferlegten zu begegnen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Gedanken für den 28.3.2020

 

Gedanken für den 27.3.2020

„Wo Gottes Verheißung vernommen und ernst genommen wird, dort wird Kirche“

Dietrich Bonhoeffer

Gemeinde und Kirche in den Zeiten von Corona. Gottesdienste, Veranstaltungen, Gruppen und Kreise, selbst Besprechungen im Kirchenvorstand – alles ist abgesagt. Gemeinde im Notbetrieb – wie die Corona-Krise die Kirche verändert, so titelte in einer seiner letzten Ausgaben das bayerische Sonntags-blatt. Das gilt auch für unsere Gemeinde und wir in unserer Gemeinde feiern im Moment ebenfalls keine Gottesdienste und das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben. In meinen Augen mehr als vernünftig, da gerade ältere Menschen den Gottesdienst besuchen und diese besonders zur Risikogruppe gehören.

Und doch sind schon Stimmen laut geworden, die an dieser Vorgehensweise Kritik üben. Kirche habe sich viel zu schnell zurückgezogen statt Präsenz zu zeigen. Gerade jetzt brauchen die Menschen Zuspruch und Trost und gerade jetzt lasse Kirche die Gläubigen gerade mit der Absage von Gottesdiensten allein. Schließlich gebe es auch kein virtuelles Abendmahl, so dass Menschen in dieser Situation auch nicht auf diese Stärkung zurückgreifen können.

Diesen Stimmen möchte ich widersprechen, weil das so nicht richtig ist. Ich denke, wir in den Kirchen lassen die Menschen nicht allein, sondern versuchen auf andere Weise Menschen zu erreichen. Zum Beispiel eben durch Artikel wie diesen, den wir auf unserer Internetseite und bei Facebook veröffentlichen. Den Bewohnern des Seniorenzentrums habe ich Anfang der Woche meine Sonntagspredigt kopiert und auf dem guten alten Postweg zukommen lassen. Und für Ostern überlegen wir uns im Moment im KV eine Aktion, wie wir Ostern, unter Einhaltung aller Vorsichts- und Schutzmaßnahmen, zu den Menschen bringen können.

Kirche hat sich gerade nicht zurückgezogen, sondern versucht auf kreative und phantasievolle Weise den Menschen in dieser Situation nahe zu sein und Trost zu spenden. Und wenn ich es richtig gelesen habe, dann ist ja auch die Zahl derer, die Gottesdienste im Fernsehen feiern, deutlich nach oben gegangen. So sucht Kirche, suchen die Kirchen neue und andere Wege, die vielleicht auch nach der Krise noch begangen werden.

Hinter all den Diskussionen steht in meinen Augen auch die Frage, was wir denn eigentlich unter Kirche verstehen. Kirche, das ist für die meisten das oben Beschriebene: Gottesdienste am Sonntag, Gruppen und Kreise, Diakonie und soziale Arbeit und vieles mehr. Das ist sicher richtig, aber Kirche ist mehr. Dietrich Bonhoeffer, der sich in seiner Zeit viele Gedanken über das Thema der Kirche gemacht hat, gibt uns mit dem heutigen Spruch einen wichtigen Hinweis darauf, was Kirche ist: wo Gottes Verheißung vernommen und ernst genommen wird, dort wird Kirche. Also überall dort, wo wir – auf welche Weise auch immer – auf Gottes Wort hören, wo wir auf seine Zusagen an uns vertrauen, überall da ist Kirche. Und das ist eben nicht an ein Kirchengebäude gebunden, sondern kann an jedem Ort geschehen. Zu Hause, in den Heimen, wo ich solche Zeilen wie diese lese oder wo ich im Fernsehen auf Gottes Wort höre, wo ich beim Abendläuten mein Gebet spreche oder beim Spaziergang mich an Gottes guter Schöpfung erfreue. Überall da wird Kirche. Überall da begegnet uns Gott. Überall da, dürfen wir seine guten Worte an uns hören, wenn auch vielleicht anders als in der gewohnten Sonntagspredigt im Gotteshaus. Ganz so, wie es Jesus einmal sagte: Wo  zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Gedanken für den 27.3.2020

 

Gedanken für den 26.3.2020 

„Nicht die Angst vor dem Tag, nicht die Last der Werke, die ich zu tun vorhabe, sondern der Herr weckt mich alle Morgen“

Dietrich Bonhoeffer

Geht es Ihnen manchmal auch so? Dass Sie am Morgen schon unruhig im Bett sind und wach sind, noch bevor der Wecker klingelt oder das Gebetsläuten zu hören ist? Und dass sie sich dann von einer auf die andere Seite drehen? Und weil man dann eh nicht mehr schlafen kann, gehen einem meist am frühen Morgen schon so viele Gedanken durch den Kopf. Viele davon gehen genau in die Richtung, von der Dietrich Bonhoeffer heute schreibt: die Angst vor dem Tag lässt mich nicht mehr schlafen, die Fragen, was heute alles auf mich zukommt und was heute werden wird, treiben mich um. Ebenso das Thema mit der Last der Werke: schon vor dem Aufstehen haben viele unter uns im Kopf, wie ihr heutiger Tagesplan aussehen wird, was sie alles zu erledigen haben, was alles zu tun ist. Wie ein Berg steht darum oft so ein Tag vor uns und noch bevor wir aufstehen, sind wir schon zermürbt, weil wir nicht wissen, wie wir das alles schaffen und den Tag bewältigen sollen.

Dietrich Bonhoeffer hat dafür einen Ratschlag parat, der uns in dieser Situation helfen kann. Er meint nämlich, dass wir uns am Morgen nicht von all dem, was wie ein Berg vor uns steht, wecken lassen sol-len, sondern von Gott unserem Herrn. Gott, der Herr, weckt mich alle morgen. Ich persönlich empfinde das wie einen Perspektivenwechsel beim Blick auf den Tag: ich schaue nicht auf das, was alles kommen wird, sondern ich schaue erst einmal auf Gott. Das kann ja ganz unterschiedlich sein: beim Läuten der Glocken kann ich ja auch ein Gebet sprechen und Gott dankbar dafür sein, dass ich gesund und munter wieder aufgewacht bin. Morgens bei meinem Spaziergang mit unserem Hund genieße ich im Moment die Ruhe und die Stille, das kalte, traumhafte Wetter, den Blick in die Berge und all das lässt mich dankbar werden für alles, was ich von Gott geschenkt bekommen habe. Und es hilft eben auch die Blickrichtung auf den Tag zu ändern: zuerst das Gute und Schöne zu sehen, das, wofür ich dankbar sein kann, dankbar meinem Gott. Und dann aus dieser Dankbarkeit heraus die Arbeit angehen, egal, was da kommen mag. Und ich bin sicher, diese Änderung in der Blickrichtung kann helfen, die Angst vor dem Tag und die Last der Werke nicht so groß werden zu lassen, dass sie meinen ganzen Tag bestimmen. Denn wenn ich mei-nen Tag mit Gott anfange, dann darf ich mir auch sicher sein, dass Gott an diesem ganzen Tag, in aller Arbeit und aller Werke Last mit dabei und an meiner Seite ist.

Zu dem heutigen Spruch ist mir ein Gesangbuchlied eingefallen, das nicht von Dietrich Bonhoeffer, son-dern von Jochen Klepper stammt: er weckt mich alle Morgen. Dieser Text (in Auswahl) soll uns heute als Gebet durch diesen Tag leiten:

Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit Seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.

Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf. Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf. Das Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs Neue so, wie ein Jünger hört.

Er will mich früh umhüllen mit Seinem Wort und Licht, verheißen und erfüllen, damit mir nichts ge-bricht; will vollen Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag. Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag.

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Gedanken für den 26.3.2020

 

Gedanken für den 25.3.2020

„Die Zehn Gebote enthalten kein Gebot zu arbeiten, aber ein Gebot, von der Arbeit zu ruhen. Das ist eine Umkehrung von dem, was wir zu denken gewohnt sind“

Dietrich Bonhoeffer

Wie wahr doch in diesen Zeiten die Worte von Dietrich Bonhoeffer sind. Wie sehr wir doch gerade die Wahrheit dieser Worte erleben. Eine Wahrheit, die gezwungenermaßen das Leben von vielen von uns auf den Kopf stellt. Denn wie viele untern uns sind gezwungen, von der Arbeit zu ruhen. Oder beschränkt von zu Hause aus zu arbeiten. In vielen Firmen herrscht Kurzarbeit und viele Betriebe und Arbeitgeber wissen nicht, wie sie die nächsten Wochen, ja vielleicht Monate überstehen sollen. Selbständige haben im Moment kein Einkommen, der Einzelhandel, die Hotels, die Gaststätten – alle geschlossen, alle ohne Arbeit. Für viele eine sehr bedrängende Situation. In dieser Zeit merken wir, wie wertvoll für uns Arbeit ist und mancher ist dankbar, im wahrsten Sinne des Wortes einen krisensicheren Job zu haben.

„Es gibt nichts Schlechtes, an dem nicht auch etwas Gutes ist“, so lautet ein altes griechisches Sprichwort, das ich einst im Griechisch-Leistungskurs übersetzt habe. Und so ist es auch im Moment in unserer Zeit der Krise. Denn Krisen bieten immer Chancen, den Blick nach vorne zu richten, den Blick zu richten auf die Zeit danach. Krisen haben auch etwas Gutes an sich. Das Gute, das ich vom Spruch Bonhoeffers her sehe ist ein Doppeltes: zum einen sollte in den Zeiten danach die Arbeit von Menschen, die Leistung, die sie bringen, viel mehr geschätzt und besser bezahlt werden. Gerade im Gesundheitswesen, aber auch in vielen anderen Bereichen müssen wir weg von diesen unterbezahlten Jobs, von denen Menschen kaum leben können, wenn sie nicht noch einen weiteren Job daneben haben. Und auch wenn es kein Gebot zum Arbeiten gibt, sollte es Gebote geben, die regeln, dass Arbeit etwas Wertvolles und Wichtiges ist.

Und das zweite: gerade weil wir in diesen Tagen merken, wie wertvoll und wichtig Arbeit ist, sollten wir in der Zeit danach noch viel mehr den Blick darauf richten, dass wir das Ruhen von unserer Arbeit bewusster in unser Leben einbauen. Denn das ist in meinen Augen ein Problem unserer Zeit: durch das dauernde Arbeiten, durch fehlende Ruhe verliert die Arbeit ihren wichtigen Wert. Darum sollten wir für die Zeiten danach überlegen, ob wir wirklich verlängerte Ladenöffnungszeiten brauchen, ob immer und überall auch Sonntags offen sein muss, ob jeder Ort seinen verkaufsoffenen Sonntag braucht. Oder ob wir eben nicht wieder mehr Wert darauf legen, zu sagen: Ruhe und Freizeit haben ihren Sinn und ihren Wert und sind mindestens genauso wertvoll und wichtig wie Arbeit. Und Ruhe und Freizeit helfen eben auch, den Wert der Arbeit wieder höher zu schätzen.

In diesen Tagen kann man viel davon lesen, wie Menschen wieder anfangen, Briefe zu schreiben, Kontakte wieder aufzunehmen, die man schon lange aus den Augen verloren hat. Familien nehmen sich Zeit, spielen miteinander, unternehmen gemeinsam das, was möglich. Dies alles aber sollten wir uns für die Zeit „danach“ vornehmen und nicht wieder zurück in den alten Trott fallen. Denn dann setzten wir um, was an Gutem in diesem Gedanken von Bonhoeffer steckt: es ist gut, von der Arbeit zu ruhen, auch wenn das eine Umkehrung unserer Denkweise ist.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Gedanken für den 25.3.2020

 

Gedanken für den 24.3.2020

„Gott ist kein zeitloses Fatum, er wartet und antwortet auf aufrichtige Gebete “

Dietrich Bonhoeffer

Dieses Wort meiner heutigen Gedanken schrieb Dietrich Bonhoeffer 1943 unter dem Titel: “Nach zehn Jahren”. Es ist ein Teil eines längeren Textes, der überschrieben ist mit den Worten „Einige Glau-benssätze über das Walten Gottes in der Geschichte. 1943 –  das war zehn Jahre nach Adolf Hitlers Machtergreifung und nach Beginn des innerkirchlichen Streits um die richtige Positionierung der Pro-testanten gegenüber dem nationalsozialistischen Staat. Dieser innerkirchliche Streit führte dann zur Gründung der Bekennenden Kirche.

„Gott ist kein zeitloses Fatum“. Fatum bedeutet übersetzt zeitloses Schicksal oder auch dem Mensch be-stimmtes Schicksal, aufgrund dessen quasi alles im Leben vorgeschrieben ist oder schon feststeht, ohne dass der Mensch etwas machen oder Einfluss darauf nehmen könnte. In Bezug auf Gott bedeutet es, dass Gott einer ist, bei dem schon alles feststeht und der alles schon festgelegt, der nicht mehr abweicht von dem, was beschlossen wurde. Dahinter steckt das Gottesbild der Philosophen, dass Gott, wie es Aristo-teles nannte, ein „unbewegter Beweger“ ist, also einer, der alles in Bewegung brachte, das Schicksal und den Lauf der Welt angestoßen hat und sich dann gewissermaßen um nichts weiteres mehr kümmert.

Der Gott der Bibel aber ist anders, er ist eben kein zeitloses Fatum, keiner, der sich von der Welt ver-abschiedet und die Welt sich selber überlassen hat. Ich denke, dass genau dies Bonhoeffer mit seinen Ge-danken hervorheben will. Und weil Gott eben kein unveränderliches Schicksal ist, darum ist er einer, der für uns Menschen ansprechbar, anrufbar ist, zu dem man kommen und den man bitten kann. Und dem es eben nicht egal ist, wie es uns Menschen geht und welches Schicksal wir erleiden, welchen Weg wir gehen. Von Anfang der Bibel ist unser Gott ein mitgehender Gott, einer, der eine enge Beziehung zu den Menschen hat, einer, der sich immer wieder ändert und wandelt und der sich in Jesus dann sogar ganz und gar auf diese Welt einlässt. Und genau darum ist er auch ein Gott, der immer wieder auf unsere Gebete wartet und zu dem wir mit unseren Gebeten zu allen Zeiten kommen können. In den guten Tagen, aber auch und gerade dann, wenn es das Leben uns schwer macht. Und eines ist gewiss: Gott antwortet auf unsere Gebete, vielleicht nicht immer so, wie wir es gerne hätten, aber doch so, dass wir wissen dürfen: unsere Gebete sind bei ihm gut aufgehoben und Gott wird sie erfüllen, auch wenn es dann manchmal ganz anders kommt. Darum bin ich sicher, dass unsere Gebete auch in diesen Zeiten, keine verlorenen Worte sind, sondern von Gott gehört und erfüllt werden.

 

Die kompletten Glaubenssätze von Bonhoeffer mögen uns an diesem und an allen anderen Tagen Kraft geben:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. in solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Gedanken für den 24.3.2020

 

Gedanken für den 23.03.2020

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“

Dietrich Bonhoeffer

Die heutigen Worte schrieb Dietrich Bonhoeffer am 19. März 1944 aus dem Gefängnis an seinen Freund Eberhard Bethge. Am 5. April 1943 war Dietrich Bonhoeffer verhaftet worden und verbrachte von da an sein Leben im Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Berlin-Tegel. Nachdem er in der ersten Zeit Kontaktverbot hatte, wurde ihm später erlaubt, Besuche zu empfangen und Briefe zu schreiben. Gerade aus den Briefen sind uns viele Gedanken und Sätze von Bonhoeffer überliefert.

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“. Schaut man sich die Situation Bonhoeffers an, in der er den Satz geschrieben hat, sind es wieder einmal sehr herausfordernde Sätze. Denn das ist doch das Ziel der meisten unter uns: ein erfülltes, ein glückliches Leben zu führen. Und dazu gehört eben oft, dass man bestimmte Wünsche hat, die man gerne erfüllt bekommt oder sich selber gerne erfüllt. Ein Aufenthalt im Gefängnis freilich, wie es Bonhoeffer erlebt hat, schränkt diese Möglichkeiten freilich rapide ein. Da geht es einfach nicht so einfach und nicht so schnell, dass man sich das erfüllt, was man gerne hätte.

Genau das erleben wir in unseren Tagen auch. Einschränkungen des alltäglichen Lebens. Dinge, die vorher selbstverständlich waren, können im Moment nicht verwirklicht werden. Reisemöglichkeiten sind ein-geschränkt, soziale Kontakte reduziert. Und manche Menschen fühlen sich vielleicht gerade ein Stück weit wie in einem Gefängnis, auch wenn sie nicht hinter schwedischen Gardinen sitzen.

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“. Mit diesem unscheinbaren und kurzen Satz wirft Dietrich Bonhoeffer tiefgründige Fragen auf, die uns heute direkt ansprechen: was verstehen wir unter einem erfüllten Leben? Welche Wünsche haben wir an das Leben? Was macht mein Leben reich? Was macht mich zufrieden? Darüber nachzudenken, möchte ich sie heute mit meinen Gedanken einladen. Nehmen sie sich doch dafür einfach ein bisschen Zeit.

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“. Zu diesem Satz habe ich folgende Worte in einer Predigt von Heinrich Bedford-Strohm gelesen: „In unseren Sehnsüchten und Wünschen immer wieder von neuem den Kontakt mit Gott zu suchen, all das, was uns bewegt, in Gottes Hand zu legen, zu spüren, dass Gott mit uns geht in den guten und in den schweren Zeiten, Frieden zu finden mit Gott und mit uns selbst, das ist erfülltes Leben“ .

 

Ein weiteres Gebet von Dietrich Bonhoeffer möge uns heute durch diesen und alle kommenden Tage leiten:

Ich traue deiner Gnade und gebe mein Leben ganz in deine Hand.

Mach du mit mir, wie es dir gefällt und wie es gut für mich ist.

Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei dir und du bist bei mir, mein Gott.

Herr ich warte auf dein Heil und auf dein Reich. Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Gedanken für den 23.3.2020

 

Predigt zum 22.03.2020

Gott tröstet, wie einen seine Mutter tröstet

Predigt zu Jesaja 66,10-14

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Text Jesaja 66,10-14

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Soweit der Text. Gott segne nun unser Reden und unser Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Es ist ein ungewöhnliches Bild in Bezug auf Gott, das uns in diesem Text im Buch des Propheten Jesaja begegnet. Gott, der Menschen tröstet, wie eine Mut-ter. Ungewöhnlich das Bild, weil wir uns Gott so in den seltensten Fällen vorstellen. Unser Bild von Gott, das ist eher männlich geprägt, Gott der Vater, der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Von Gott als Mutter redet zumindest in biblischen Zusammenhängen niemand.  Ein ungewöhnliches Bild.

Ein Bild freilich, mit wir alle sofort eigene Erfahrungen verbinden. Vor allem, weil jeder seine ganz eigenen Erfahrungen mit und manchmal auch Erinnerungen an die eigene Mutter hat. Und viele unter uns werden ihre Mutter so erlebt haben. Als jemand, der immer für einen da ist, gerade in Kinderzeiten, und kommt und einen tröstet, wenn man Trost nötig hat. Das Bild der Mutter, das das kleine Kind umfängt, es in den Armen wiegt, es hält und beschützt und trägt. Die Mutter, die tröstet, wenn nach einem Sturz das Knie blutet oder es eine schlechte Note nach Hause bringt. Da steckt ganz viel drin an Sicherheit, an Schutz, an Geborgenheit und natürlich auch an Trost. Und dabei fragt die Mutter nicht nach einem Grund, braucht keinen Anlass, sondern verschenkt sich bedingungslos, fragt nicht nach Ort und Zeit, sondern ist einfach da.

Es gibt freilich auch eine andere Seite der Erfahrung mit der Mutter, die gegenläufig zu dem oben be-schrieben ist. Denn nicht alle erleben ihre Mutter so, wie man sich das vorstellt. Es gibt auch andere Erfahrungen: Mütter, die allein erziehend sind, die schauen, wie sie tagtäglich über die Runden kommen und die oft wenig Zeit für die Kinder haben. Mütter, die deutlich das eine Kind bevorzugen und das andere zurückstellen. Von Gewalt und Misshandlungen, die oft gegenüber den Kindern geübt werden, ganz zu schweigen. In meiner Vorbereitung habe ich in einem Artikel einer Psychologin dazu folgenden Satz gelesen: „Eine Mutter kann dir dein Essen kochen und trotzdem ein Teufel sein“. Ja es gibt auch solche Erfahrungen mit den Müttern und darin spiegelt sich dann wenig von Halt, Schutz, Geborgenheit und Trost.

Gott, der einen tröstet, wie einen eine Mutter tröstet. Die Erfahrungen, die wir Menschen mit unseren Müttern machen, lassen sich auch die Erfahrungen übertragen, die wir mit Gott machen. Denn auch an Gott erleben wir diese beiden Seiten:

  • Menschen erleben Gott als den, der ihnen Trost spendet. Der für sie da ist wie die Mutter – gerade in den schweren Momenten des Lebens. Bei dem sie Halt und Geborgenheit finden, Schutz und Zuversicht für die oftmals nicht einfachen Zeiten und Wege des Lebens. Menschen spüren Gottes Nähe und fühlen sich von ihm gehalten und getragen wie im Arm einer Mutter.
  • Menschen erleben Gott als den, der ihnen keinen Trost spendet. Der für eben gerade nicht da ist und von dem sie in den schweren Momenten des Leben nur wenig spüren. Bei dem sie keinen Halt und keine Geborgenheit finden, keinen Schutz und keine Zuversicht für die oftmals nicht einfa-chen Zeiten und Wege des Lebens. Menschen spüren Gottes Nähe gerade nicht und fühlen sich von ihm nicht gehalten und getragen wie im Arm einer Mutter.  

Gott, der einen tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. In diesem Satz steckt für mich die ganz allgemeine menschliche Erfahrung drin, nämlich, dass wir Menschen immer wieder Situationen erleben, in denen wir uns Trost wünschen. Wir merken es ja gerade in unseren Tagen, wie sehr wir angesichts der momentanen Lage voller Fragen und oft voller Verzweiflung sind. Wie sehr uns die momentane Lage belastet, wie unsicher wir in die Zukunft blicken, mit bangem Blick und so vielen Fragen: wie lange wird alles dauern, bis das Leben wieder seinen normalen Gang gehen wird? Was wird noch persönlich auf mich und mein Leben zukommen? Wie wird alles werden? Eine Situation, in der wir uns wahrlich Trost wünschen.

Das ging vor mehr als 2500 Jahren den Menschen, denen diese Worte gesagt wurden, nicht anders. Die Worte des Propheten Jesaja führen uns zurück in eine dunkle Zeit des Volkes Israel. Auch die Menschen, an die sich der heutige biblische Text aus dem Buch des Propheten Jesaja einst gewandt hat, erleben eine Situation, in der sie Trost brauchen. Das Buch des Propheten Jesaja ist eigentlich das Buch von drei Propheten: Der erste Jesaja hat im 8. Jahrhundert die Kapitel 1 bis 39 geschrieben, der zweite Jesaja, auch Deuterojesaja genannt, hat rund zweihundert Jahre später geschrieben (die Kapitel 44 bis 55), seine Leser sind die nach Babylon ins Exil verschleppten Juden. Der heutige Predigttext aus dem 66. Kapitel wird dem dritten Jesaja, Tritojesaja, zugeschrieben, er schreibt zwischen 521 und 510 vor Christus an die aus dem Exil heimgekehrten Juden. Jetzt hört sich Heimkehr positiv an, doch die Situation in der Heimat war alles andere als gut. Der Tempel in Jerusalem war zerstört, die Stadtmauern geschleift, es kam zu Auseinandersetzungen mit der im Land verbliebenen Bevölkerung, auch aufgrund von Versorgungsengpässen bei Nahrungsmitteln und Wohnraum. Also eine alles andere als rosige Situation. Eine Situation, in der Menschen Trost nötig hatten, so wie wir oft Trost nötig haben. Und da hinein nun spricht Jesaja diese Worte: Gott tröstet einen, wie einen seine Mutter tröstet. Und weitere überschwengliche Worte folgen und malen Bilder von einer traumhaften und paradiesischen Zukunft, wie sie die Menschen – nüchtern betrachtet – sicher auch in der Folgezeit nicht erlebt haben.

Aber der Prophet malt diese Bilder, weil er weiß: Menschen brauchen solche Bilder, um Trost zu finden. Menschen brauchen solche Bilder und die sich darin befindlichen Zusagen, um aus ihnen neue Kraft und neue Hoffnung zu schöpfen. Und jemanden trösten, jemandem Trost zuzusprechen heißt ja nicht, dass dadurch sofort alles gut wird. Trost ist ja nicht die Abwesenheit von Schmerz oder Not, sondern die Erfahrung, nicht allein zu sein. Trost gehört zu den Freuden des Lebens, die ich mir nicht selbst geben kann. Der beste Trost ist immer, nicht alleine zu sein, nicht alleine tragen zu müssen, sich aussprechen zu können und sich getragen zu wissen im Schmerz, der nur wehtut. Ich bin froh und dankbar, dass ich im Moment solche Menschen habe, in der Familie, im Freundeskreis, in der Kirchengemeinde, Menschen, die uns auch und gerade in diesen Momenten nicht allein lassen, auf die man zählen kann. Und darum ist es so wichtig, dass wie gerade in diesen Zeiten das tun, was uns möglich ist, um für andere da zu sein, sie nicht allein zu lassen und ihnen dadurch Trost zu spenden in diesen so oftmals trostlos empfunden Zeiten.

Und weil es in diesen Tagen der Ausgangsbeschränkungen ja nicht so einfach ist mit den persönlichen Kontakten, habe ich für mich eine weitere Quelle des Trostes entdeckt, nämlich die Musik. Es gibt so viele Lieder, soviel Musik, aus der wir wie aus einer Quelle Trost schöpfen können. Und Musik hören geht ja – Gott sei Dank – ohne Probleme. Ein Lied, das ich in diesen Tagen gerne höre und das wir gerade ich im Chor einstudieren lautet: You raise me up. In diesem Lied, da heißt es in der deutschen Übersetzung:

Wenn ich am Boden bin, und meine Seele ermüdet ist, wenn es Ärger gibt, und mein Herz so belastet ist,
dann bin ich ruhig und warte hier in der Stille, bis du kommst und dich eine Weile zu mir setzt.

Du hebst mich hoch, sodass ich auf Bergen stehen kann. Du hebst mich hoch, sodass ich über stürmische Meere gehen kann. Ich bin stark, wenn ich auf deinen Schultern bin. Du ermutigst mich zu mehr, als ich je sein kann.

In diesem Lied, aber auch in vielen anderen – und ich denke an viele unserer alten und neuen Gesangbuchlieder angefangen von „Befiehl du deine Wege“ bis hin zu Bonhoeffers „Von guten Mächten“  – in all diesen Liedern ist Trost zu finden. Trost, der eben genau darin besteht, dass ich weiß: ich bin diesem Moment nicht allein, sondern Gott ist bei mir. Er ist da und steht an meiner Seite, er baut mich auf und gibt mir die Kraft, meine momentane Situation gut zu bestehen. Gott ist der, der einen tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. Gott schenkt uns Trost und Geborgenheit, immer wieder neu. Und dass wir gerade in diesen Tagen dieser Erfahrung machen können, das wünsche ich uns allen.

 

Herrn unser Gott,

du bist der Vater allen Trostes und willst uns trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Um deinen Trost bitten wir in diesen Tagen. Schenke uns Trost und Geborgenheit in deiner Nähe, damit wir immer wieder neu erfahren können: du bist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Amen.

 

In diesem Sinne allen einen gesegneten Sonntag – bleiben Sie gesund!

Ihr Pfarrer

Frank Wagner

Predigt zu Jesaja 6610-14 – 22.3.2020 – Lätare – Gott tröstet, wie einen seine Mutter tröstet

 

Gedanken für den 21.03.2020

„Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen idealen Menschen, sondern den Menschen, wie er ist, nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt“

Dietrich Bonhoeffer

Die heutigen Worte Dietrich Bonhoeffers sind sehr tröstliche Worte hineingesprochen in eine Welt, in der scheinbar alles auf dem Kopf steht. Aber diese Worte passen nicht nur zu den gerade erlebten Zeiten, sondern sind auch darüber hinaus gültig. Gott liebt diese Welt. Gott liebt den Menschen. Diese Wort gelten, seid Gott die Welt geschaffen hat und seit es Menschen gibt, die diesen Gott anrufen. Gott liebt die Welt, Gott liebt den Menschen. Und Bonhoeffer macht deutlich, dass diese Liebe Gottes keine Grenzen kennt. Damit unterscheidet sich Gott massiv von dem, wie wir Liebe kennen und wie wir Liebe üben.

Gott liebt den Menschen und der muss nicht ideal sein. Bei uns Menschen schon. Wir lieben, wenn wir sympathisch finden, für den wir ein Herz haben, der unserem Idealbild entspricht. Und wer in dieses Schema, in diese Schublade, die wir da ganz schnell aufmachen, nicht hinein passt, den lieben wir dann eben nicht. Der ist uns unsympathisch, mit dem wollen wir nichts zu tun haben, da wollen wir auch nicht hingehen und helfen, wenn der andere unsere Hilfe braucht.

Gott liebt die Welt und diese muss keine Idealwelt sein, sondern die wirkliche Welt. Auch wir lieben die Welt vor allem, wenn alles gut und glatt geht, wenn alles passt, alles reibungslos ist. Aber wehe, die Welt gerät irgendwie aus den Fugen, dann verstehen wir im wahrsten Sinne des Wortes Gott und die Welt nicht mehr. Dann tun wir uns schwer damit diese Welt und das, was wir in ihr erleben, zu lieben.

Gott liebt den Menschen, Gott liebt die Welt. Den Menschen, so wie er ist, keine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. Und diese Liebe Gottes steht und bleibt, egal was kommt, egal wie es mit jedem unter uns weitergeht. Gottes Liebe steht und bleibt und darauf dürfen wir uns verlassen. Und mit dem Ver-trauen auf Gottes Liebe dürfen wir in dieser Welt und zusammen mit allen Menschen leben. In der realen Welt mit all den ganz realen Menschen. Egal, was kommt, egal, was sein wird.

Ein weiteres Gebet von Dietrich Bonhoeffer möge uns darum heute durch diesen und alle kommenden Tage leiten:

Herr Jesus Christus,
du warst arm und elend, gefangen und verlassen wie ich.
Du kennst alle Not der Menschen,
du bleibst bei mir, wenn kein Mensch mir beisteht
du vergisst mich nicht und suchst mich,
du willst, dass ich dich erkenne und mich zu dir kehre
Herr, ich höre deinen Ruf und folge.
Hilf mir!
Heiliger Geist,
gib mir den Glauben, der mich vor Verzweiflung und Laster rettet
Gib mir die Liebe zu Gott und den Menschen, die allen Haß und alle Bitterkeit vertilgt,
gib mir die Hoffnung, die mich befreit von Furcht und Verzagtheit.
Lehre mich Jesus Christus erkennen und seinen Willen tun. Amen.

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Gedanken für den 21.3.2020

 

Gedanken für den 20.3.2020

„Gott gibt Zeiten der Sorge und Angst und Gott gibt Zeiten der Freude“

Dietrich Bonhoeffer

Die heutigen Worte Dietrich Bonhoeffers sind offen und ehrlich und realistisch und zugleich enthalten sie auch viel Trost. Offen und ehrlich und realistisch, weil es genauso ist in unserem Leben: da gibt es Zeiten der Sorge und der Angst, so wie wir sie im Moment erleben. Viele unter uns sind voller Sorge und Angst, was noch alles auf uns zukommen wird. Welche weiteren Einschränkungen werden wir in den nächsten Tagen noch auf uns nehmen müssen? Wird es vielleicht sogar eine Ausgangssperre geben? Und wenn ich erkranken sollte, wird dann die nötige medizinische Versorgung vor Ort sein? Wie lange wird überhaupt alles noch dauern und was wird dann die Zukunft bringen? Viele solcher und anderer Fragen beschäftigen die Menschen unserer Tage. „Gott gibt Zeiten der Sorge und der Angst“. Ja, das gehört nicht nur in diesen Tagen zu unser aller Leben hinzu, dass wir, auch wenn wir es nicht wollen, immer wieder schwere Zeiten zu durchleben haben.

Ob Dietrich Bonhoeffer bei seinen Worten an den Prediger Salomo aus dem Alten Testament gedacht hat? Schon bei ihm heißt es, wenn auch in anderen Worten: alles hat seine Zeit. Und dann beschreibt auch er, dass es im Leben von Menschen die unterschiedlichsten Zeiten gibt: lachen und weinen, geboren werden und sterben, suchen und verlieren, klagen und tanzen und vieles andere mehr. Schon bei ihm findet sich dieser realistische Blick auf unser Leben, dass es eben immer zwei Seiten in unserem Leben gibt.

Das Schöne an Bonhoeffers Wort ist, dass es auch ein Wort des Trostes ist, gerade in diesen Zeiten: Gott gibt – und ich ergänze auch wieder – Zeiten der Freude. Ja, ich bin davon überzeugt, dass die dunklen Tage irgendwann ein Ende haben und Gott uns wieder Freude schenken wird. Dass nach dem Dunkel der Nacht ein neuer Morgen anbrechen wird. Und auch wenn wir nicht absehen können, wann diese Zeit da sein ist, für mich ist eines sicher und gewiss: ganz egal, welche Zeiten wir durchleben, es sind immer Zei-ten, in denen Gott an unserer Seite ist. Denn all unsere Zeit steht allein in Gottes Händen. In denen dürfen wir uns geborgen fühlen, ganz egal, welche Zeiten wir durchleben.

Ein weiteres Gebet von Dietrich Bonhoeffer möge uns darum heute durch diesen und alle kommenden Tage leiten:

Vater im Himmel,

Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht,

Lob und Dank sei dir für den neuen Tag.

Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue

in meinem vergangenem Leben. Du hast mir viel Gutes erwiesen,

lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.

Du wirst mir nicht mehr auflegen als ich tragen kann.

Lass deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.

Herr, was dieser Tag auch bringt –  dein Name sei gelobt. Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Gedanken für den 20.3.2020

 

Gedanken für den 19.3.2020

„Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe, ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden.“

Dietrich Bonhoeffer

Die heutigen Worte meiner Gedanken hat Dietrich Bonhoeffer als Morgengebet in seiner Zeit im Gefängnis formuliert. Was mir dabei sofort ins Auge sticht ist dieses Wort „kleinmütig“. Ein Wort, das mir in meiner Umgebung und meinem Wortschatz selten bis gar nicht begegnet. Was mir begegnet, das ist das, was sich dahinter verbirgt: Kleinmut bezeichnet Angst, Ängstlichkeit. Kleinmut ist ein Mangel an Mut, ein Mangel an Entschlusskraft. Kleinmut ist eine etwas abgeschwächte Form der Mutlosigkeit. Und das wiederum ist etwas, was ich, was wir alle aus unserem Leben kennen. Und das nicht nur seit der Zeit der Krise durch Corona. Ich glaube, da hat jeder unter uns so seine eigenen Situationen vor Augen, in denen ihn diese Gefühle betreffen.

Situationen, in denen wir kleinmütig sind, sind Situationen, in denen wir Hilfe brauchen. Dietrich Bon-hoeffer hat in seinen Momenten des Kleinmutes seine Hilfe bei Gott gefunden: „aber bei dir ist die Hilfe“. Trotz seiner schweren Zeit im Gefängnis trotz allen Kleinmutes, trotz aller Verzweiflung, trotz aller Fra-gen über die Zukunft hat er Gott nicht aufgegeben, sondern sich an ihn gewandt. In dem Glauben und dem Vertrauen, dass Gott auch in diesen schweren Tagen an seiner Seite ist. Gerade das Gebet war für ihn so etwas wie eine „Versicherung“, dass Gott da ist, dass Gott ihn nicht alleine lässt, dass Gott ihm die Kraft gibt, das zu bestehen, was vor ihm liegt.

Mit Dietrich Bonhoeffer dürfen aber auch wir in unseren Tagen an diese Versicherung im Gebet glauben, uns mit unserem Kleinmut, der Not, der Verzweiflung an Gott wenden, weil auch wir darin die Nähe und Begleitung durch Gott erfahren dürfen, der auch uns nicht alleine lässt, sondern an unserer Seite steht, egal was kommt.

Das ganze Gebet Bonhoeffers möge uns darum heute durch diesen und alle kommenden Tage leiten:

Gott, zu dir rufe ich in der Frühe des Tages.

Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu dir, ich kann es nicht allein.

In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht;

ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht;

ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;

ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede;

in mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist die Geduld;

ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.

Vater im Himmel, Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht, Lob und Dank sei dir für den neuen Tag. Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue in meinem vergangenen Leben.

Du hast mir viel Gutes erwiesen, lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.

Du wirst mir nicht mehr auflegen, als ich tragen kann.

Du lässt deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.

Herr, was dieser Tag auch bringt, dein Name sei gelobt! Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Gedanken für den 19.3.2020

 

Gedanken zum 18.03.2020

„Es gibt zwei Möglichkeiten, einem Menschen, der von einer Last gedrückt wird, zu helfen. Entweder man nimmt ihm die ganze Last ab, so dass er künftig nichts mehr zu tragen hat. Oder man hilft ihm tragen, in dem man ihm dies Tragen leichter macht. Jesus will nicht den ersten Weg mit uns gehen.“

Dietrich Bonhoeffer

Corona-Krise in aller Munde. Menschen werden von einer schweren Last gedrückt, von der Bonhoeffer spricht. Bei uns vor Ort: Geschäfte geschlossen, Gaststätten öffnen zu beschränkten Zeiten. Touristen werden aufgefordert, nach Hause zu fahren, ja mehr noch, es ist ihnen verboten, länger zu bleiben. Hotels schließen, Mitarbeiter werden in Zwangsurlaub geschickt, manche in Kurzarbeit, manche sogar entlassen. Geschäftsleute müssen ihre Geschäfte schließen und viele drückt die Last, ob es nach der Corona-Krise mit ihrem Geschäft weitergehen wird. Existenzen sind in Gefahr.

Die momentanen und sicher auch nötigen Maßnahmen der Beschränkung zwingen jeden zum Umstellen der Lebensweise. Dabei ist zu beobachten, dass es die einen ganz locker nehmen: soziale Kontakte wer-den weiterhin uneingeschränkt aufrecht gehalten, Orte, an denen die Ansteckungsgefahr groß ist, trotz-dem aufgesucht und warum soll ich in diesen Tagen zu Hause bleiben? Die anderen freilich sind voller Sorge, die Last dieser Krise drückt schwer, was sich nicht nur in den Hamsterkäufen zeigt. Viele fragen sich, wie es persönlich sein wird, wenn noch mehr Einschränkungen kommen. Und was wird sein, wenn ich wirklich am Corona-Virus erkranke? Kann mir die Medizin helfen? Werde ich ganz und gar allein zu Hause bleiben müssen.

Ja, die Last dieser Tage drückt und betrifft uns alle. Und sie fordert von uns Solidarität, gerade mit den Schwachen und Anfälligen. “Wir werden diese Situation bewältigen, wenn wir zusammenstehen, wenn wir besonnen bleiben und aufeinander Acht geben”, sagte dazu Gesundheitsminister Jens Spahn. Und das geht genau in die Richtung, von der Bonhoeffer schreibt, wenn Menschen eine Last drückt. Denn die aktuelle Situation zeigt, dass wir das eine zumindest im Moment gar nicht können: Menschen die ganze Last abnehmen. Das können wir gar nicht, weil wir dazu viel zu eingeschränkt sind. Aber das zweite, das können wir: helfen und das Tragen leichter machen. Das beginnt da, wo wir gerade in diesen Zeiten nicht nur auf uns blicken, sondern den anderen, den Mitmenschen im Blick haben. Hamsterkäufe helfen mir, aber nicht dem, der vielleicht von seiner schmalen Rente auf günstige Angebote angewiesen ist. Ich mag in einer harmonischen Familie leben, die mir den nötigen Halt gibt, aber andere sind gerade jetzt besonders einsam und allein. Meine Kinder sind gut versorgt oder alt genug, sich selber zu versorgen, so dass für mich das Thema der Schulschließung kein Problem ist. Andere aber wissen nicht, wo sie ihre Kinder unterbringen können, weil Opa und Oma als Risikogruppe ausfallen. Genau darum sind wir jetzt alle gefragt, wo wir – im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten – dem Nächsten helfen können, seine Last zu tragen. Ganz viele bieten inzwischen an, für andere einzukaufen. Das ist schön und gut, aber das allein reicht nicht, wenn jemand zu Hause für ganz banale Dinge des Alltags Hilfe braucht. Auch da ist unsere Hilfe und Solidarität gefordert. Und besonders wichtig finde ich, dass die sozialen Kontakte jetzt nicht abbrechen, sondern über so ganz alte Mittel wie Telefon oder ähnliches aufrecht erhalten werden. Wenn wir darüber nachdenken, dann fallen uns da noch viele, viele andere Möglichkeiten und Beispiele ein.

Und damit sind wir dann auch in der Nachfolge von Jesus, der, wie es Bonhoeffer schreibt, genau das von uns möchte: dem anderen tragen helfen und ihm das Tragen seiner Lasten dadurch leichter zu machen. Das ist Nachfolge in unseren Tagen und diese Nachfolge kann jeder verwirklichen, ob getaufter Christ oder nicht, ob in der Kirche und im Glauben verwurzelt oder eher distanziert. Du wichtig ist auch auf den Schlusssatz von Bonhoeffer zu hören: Jesus will und wird diesen Weg mit uns gehen. Oder anders gesagt: in diesen Zeiten der Last dürfen wir darauf vertrauen, dass Jesus ganz an unserer Seite ist. So wie er es versprochen hat: siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

Hier auch nochmal zum Nachlesen: Gedanken für den 18.3.2020

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